Organisation

Institut für kirchliche Ämter und Dienste

Was zu glauben ist, bestimme ich

Anmerkungen zur Wahrheitsfindung bei Glaubensfragen

Konsensfindung in Glaubensfragen (Foto: Peter Weidemann - pfarrbriefservice.de)
Konsensfindung in Glaubensfragen (Foto: Peter Weidemann - pfarrbriefservice.de)

Seit einiger Zeit ortet die Trendforschung eine Renaissance des Objektiven und der Wahrheit. In einer als überkomplex wahrgenommenen Welt gehe es nicht mehr nur um individuelle Meinungen, um Wahrscheinlichkeiten und Optionen, sondern vermehrt um Klarheit und Eindeutigkeit. Diese Klarheit wird aber weitgehend nicht von wissenschaftlichen Ergebnissen oder Festlegungen von Institutionen erwartet, sondern von Persönlichkeiten, die als authentisch wahrgenommen werden und die man somit für wahrheitsfähig hält. Im Begriff der Wahrheit ist demnach, wer die eigene Sichtweise überzeugend proklamiert und dafür eine Gruppe von Menschen hinter sich zu vereinen vermag. Verdeutlichen möchte ich diesen Trend mit zwei Beispielen. Am 3. Februar 2026 wies der Sprecher des US-Repräsentantenhauses die mit Matthäus 25 begründete Kritik von Papst Leo an der US-Einwanderungspolitik – „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) – zurück, indem er biblisch die Rechtmäßigkeit des Vorgehens der Regierung argumentierte. Zudem warf er Kritikern der US-Migrationspolitik vor, die Bibel aus dem Zusammenhang zu reißen, um Christen und Juden, die sich für einen stärkeren Grenzschutz aussprechen, als ungläubig hinzustellen. Das zweite Beispiel befasst sich mit so genannten Christfluencern. Dabei handelt es sich um Influencerinnen und Influencer, die sich zu religiösen Themen äußern. Unter ihnen fordern einige auf Instagram und TikTok zum Beispiel die Unterordnung der Frau unter den Mann, lehnen Homosexualität ab oder sprechen sich für die Prügelstrafe als Erziehungsmaßnahme aus. Als Begründung führen sie entsprechende Bibelstellen an und beanspruchen so Gültigkeit und Wahrheit. Angesichts dieser Beispiele frage ich mich, wie unter diesen Vorzeichen eine Konsensfindung in Glaubensfragen möglich sein könnte.

Der Mensch ist wahrheitsfähig

Beginnen möchte ich mit einer Definition von Wahrheit von Thomas von Aquin. Wahrheit ist für ihn die Übereinstimmung der Sache und des Verstandes. Wenn ich also die Wirklichkeit so erfassen kann, wie sie ist, dann erschließt sich mir Wahrheit. Im Alltag stellen wir fest, dass es umso schwieriger wird, ein Urteil darüber zu fällen, ob eine Aussage wahr oder falsch ist, je komplexer die zu erfassende Wirklichkeit ist. So lässt sich beispielsweise leichter eine wahre Aussage über Gegenstände als über Erfahrungen, Gefühle oder das Miteinander von Menschen machen.

Wahrheitssuche

Dennoch zeichnet sich der Mensch, so Papst Johannes Paul II., gerade durch die Fähigkeit aus, nach Wahrheit zu suchen. Zwar kann er diese, wie er in der 1998 veröffentlichten Enzyklika „Fides et ratio“ (= Glaube und Vernunft) ausführt, durch die Angst vor deren Folgen unterdrücken, doch bleibt sie in seinem Leben präsent. Denn niemand kann sein Leben, so der Papst, auf Zweifel, Ungewissheit und Lüge gründen. Diese Suche des Menschen nach Wahrheit ist getragen von der Annahme, dass es etwas zu finden gibt und er eine Antwort auf seine Fragen erhält.

Wahrheit ist eine Person

Christliche Wahrheit weist nun die Besonderheit auf, dass sie sich nicht auf Aussagen über Gott, den Menschen und die Welt beschränkt. Vielmehr ist sie ein Beziehungsgeschehen. Darauf geht Papst Fanziskus 2013 in seinem „Brief an einen Nichtglaubenden“ näher ein. Für Christen ist Wahrheit, so der Papst, „die Liebe Gottes zu uns in Jesus Christus. Wahrheit ist also eine Beziehung!“ Dies bedeutet, dass jeder Mensch die Wahrheit im Kontext seiner eigenen Geschichte und Kultur versteht und lebt. Dies hat nun jedoch nicht zur Folge, dass Wahrheit subjektiv und veränderlich sei. Entscheidend ist vielmehr, dass man in dieses Beziehungsgeschehen eintritt und dass man sich die Wahrheit, die einem darin begegnet aneignet. Dieser Vorgang der Aneignung wiederum kann zu einem vertieften Verständnis dieser Wahrheit führen.

Wahrheit ist vielstimmig

Christliche Wahrheit ist zudem nicht monolithisch, sondern vielstimmig. Darauf macht Hans Urs von Balthasar aufmerksam, wenn er Wahrheit als symphonisch bezeichnet. Dieses Verständnis ist bereits in der Bibel grundgelegt. So ist das Heilsereignis Jesu nicht in einer Schrift überliefert, sondern in vier Evangelien ausgefaltet worden. Und diese vier Sichtweisen auf Jesus lassen sich nicht auf eine Überlieferung reduzieren. Vielmehr scheint gerade in dieser Mehrstimmigkeit das Spezifische der Offenbarung Gottes in Jesus zu liegen: In aller Konkretheit und Unmittelbarkeit, lässt sie sich mit menschlichen Kategorien nie erschöpfend erfassen, sondern bleibt darin einem menschlichen Zugriff entzogen.

Wahrheit ist integrativ

Wahrheit ist nun jedoch nicht beliebig, sondern integrativ. Was ist damit gemeint? Eine theologische Aussage erhält dann besondere Bedeutung, wenn sie mit möglichst vielen anderen theologischen Aussagen in Übereinstimmung gebracht werden kann. Für eine zitierte Bibelstelle bedeutet dies, dass ich sie, um ihr gerecht zu werden, im Kontext des ganzen Textes, des biblischen Buches, der Heiligen Schrift und letztlich im Gesamt der kirchlichen Überlieferung zu interpretieren habe. In der katholischen Kirche übernimmt diese Aufgabe in besonderer Weise das Lehramt, indem es, „das in Schrift und Tradition überlieferte, in der Theologie reflektierte und im Glaubenssinn der Gläubigen existentiell gelebte Wort Gottes dienend zu bezeugen, zu bewahren und verbindlich auszulegen“ (DV 10) hat.

Wahrheit ist interaktiv

Damit Wahrheit nicht zu einem willkürlichen Machtmittel oder der Beliebigkeit von Stimmungen und Moden verfällt, ist die Bereitschaft erforderlich, die eigene Position zu begründen. Es reicht jedoch nicht aus, auf eine Quelle zu verweisen, die eigene Glaubwürdigkeit zu betonen oder die Zustimmung der eigenen Anhängerschaft ins Treffen zu führen. Vielmehr muss dargelegt werden, wie und warum man zu seiner Sichtweise gelangt ist. Zudem ist die Bereitschaft gefragt, die Position des anderen – wie Ignatius von Loyola es einfordert – zu „retten“, also zu verstehen, selbst wenn sie der eigenen Meinung widerspricht. So kann es gelingen, im Prozess der persönlichen Wahrheitsfindung weiterzukommen und in einer (Glaubens-)Frage einen symphonischen Konsens zu erzielen.