Die Passion Jesu
Eine Karfreitags-Meditation
„Ecce homo“. „Seht, der Mensch“. Diese Worte aus der Passion des Johannesevangeliums sind für mich untrennbar mit der Botschaft des Karfreitags verbunden. Pilatus zerrt Jesus ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, präsentiert ihn der johlenden Menge. Schutzlos, misshandelt, mit einer Dornenkrone und mit einem purpurroten Mantel verhöhnt, wird uns Jesus am Karfreitag vor Augen gestellt. Zum Gespött gemacht, ausgeliefert der Mensch den Menschen.
„Ecce homo“. „Seht, der Mensch.“ Welch infame Verdrehung: der durch und durch Gute, der genau so gelebt hat, wie Gott den Menschen gewollt und gemeint hat wird angefeindet, verraten, verhöhnt, gefoltert, seiner Würde beraubt. Hier wird der Heilsbringer als Unheilsprophet diffamiert. Ein unerträglicher Anblick.
Dafür muss jemand zur Verantwortung gezogen werden. Rasch waren es die Juden, denen das Leid und der Kreuzestod Jesu zur Last gelegt worden sind. Der in den Evangelien überlieferte Ruf des Volkes „Kreuzige ihn“, ist dabei als Bestätigung gewertet worden, mit furchtbaren Folgen. So ist es im Mittelalter an Karfreitagen regelmäßig zu Pogromen an der jüdischen Bevölkerung gekommen.
„Ecce homo.“ „Seht, der Mensch.“ Welch Abgrund tut sich hier auf, wenn Gewalt mit Gewalt beantwortet wird, wo doch die Botschaft Jesu eine gänzlich andere ist. So lesen wir im Lukasevangelium: „Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen!“ (Lk 6,27).
Übles mit Gutem vergelten, die Spirale der Gewalt unterbrechen. Das war das Lebensprogramm Jesu. Diese Haltung hat ihn nicht ausweichen und fliehen lassen, sondern hat ihn den Weg weitergehen lassen – bis zum Kreuz. Sie zwingt zur Entscheidung und hält Menschen einen Spiegel vor. „Ecce homo.“ „Seht der Mensch.“ Damals wie heute. Umkehr oder Aggression sind dabei die Optionen. Jesus und mit ihm dem Guten folgen oder es bekämpfen, vernichten, ja kreuzigen wollen.
Gewaltlos Widerstand leisten. Menschen wie Mahatma Ghandi, Hildegard Goss-Mayr, Martin Luther King oder Nelson Mandela sind dem Beispiel Jesu gefolgt und diesen Weg seither gegangen. Sie haben dafür einen hohen Preis bezahlt. Noch größer aber ist das Beispiel, das sie damit gegeben haben. Der Glaube an das Gute im Menschen lebt als Botschaft des Karfreitags weiter. „Ecce homo.“ „Seht, der Mensch.“
Michael Kapeller