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Institut für kirchliche Ämter und Dienste

Antijüdische Tendenzen in der Darstellung der Passion Christi

Ein Beitrag zum Tag des Judentums am 17. Jänner 2026

Antijüdische Wandmalereien in der Vorhalle des Doms zu Gurk (Foto: Ellersdorfer)
Antijüdische Wandmalereien in der Vorhalle des Doms zu Gurk (Foto: Ellersdorfer)

Zu den besonders bedauerlichen Kapiteln des christlich geprägten Antijudaismus gehört, dass bis in die Gegenwart hinein die Leidensgeschichte Jesu herangezogen wurde, um Jüdinnen und Juden in Verruf zu bringen. Dieser Beitrag zeigt am Beispiel von zwei Szenen – der Vertreibung der Händler aus dem Tempel und der Geißelung Jesu – auf, wie ihre bildhafte Darstellung antijüdische Züge verstärkt und Vorurteile befeuert hat.

Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel (Klaus Einspieler)

Die „Reinigung des Tempels“, so wird diese Perikope in der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift betitelt, folgt in den ersten drei Evangelien, den Synoptikern, auf den Einzug Jesu in Jerusalem (Mt 21,12-17; Mk 11,15-19; Lk 19,45-48). Jesus vertreibt die Händler und Käufer, zudem stößt er die Tische der Geldwechsler und Stände der Taubenhändler um. Der Konflikt mit den Hohepriestern und Schriftgelehrten, der zum Tod Jesu führen wird, beginnt sich hier aufzubauen. Markus begründet das Tun Jesu mit einem Zitat aus dem Jesajabuch, wonach das Haus des HERRN ein Haus des Gebets für alle Völker genannt werden soll (Jes 56,7; Mk 11,17). Dieses Schriftwort war auch an der Fassade der Synagoge in Wiener Neustadt angebracht, die im Zuge der Novemberpogrome 1938 geplündert worden ist. Es wird im Jesajabuch mit der Sammlung Israels in Verbindung gebracht, an der die Völker teilhaben. Dies war auch der Anspruch Jesu. Es geht ihm darum, den Tempel seiner eigentlichen Bestimmung als Stätte des Gebets für Israel und die Völker zuzuführen. Im vierten Evangelium, jenem nach Johannes, nimmt Jesus die Tempelreinigung schon zu Beginn, also nicht in der letzten Woche seines Lebens, vor (Joh 2,13-22). Nur Johannes berichtet, Jesus hätte eine Geißel aus Stricken gemacht. Sein Handeln richtet sich gegen alles, was dem Opferkult im Tempel dient, besonders den Schafen und Rindern. Die Verkäufer sollen also den Dienst daran einstellen. Von nun an ist der Tempel nicht mehr Ort des Kultes, sondern Stätte des Wirkens Jesu. Das Schriftwort aus dem Jesajabuch hat Johannes daher durch ein Zitat aus dem Psalm 69,10 ersetzt. Während der Beter des Psalms klagt, der Eifer für das Haus Gottes habe ihn verzehrt (Vergangenheit), heißt es von Jesus aber, er werde ihn verzehren (Zukunft). Das Geschehen will also von Ostern her verstanden werden. Der Tempel, um den es hier geht, ist demnach nicht mehr das irdische Heiligtum in Jerusalem, sondern das „Haus des Vaters“. Auf die Frage „der Juden“, die im Johannesevangelium meist negativ dargestellt werden, nach einem Zeichen, das als Rechtfertigung für das Tun Jesu verstanden werden könnte, wird nun das sogenannte Tempelwort eingeführt. Johannes hat es im Blick auf seine Aussageabsicht umgestaltet. Der Tempel, der niedergerissen wird, ist nicht der Tempel von Jerusalem, sondern der Leib Jesu. Das Niederreißen des Tempels wird so zum Bild für seinen gewaltsamen Tod. So wird bei Johannes bereits zu Beginn des Evangeliums das Ende des Tempelkults verkündet. Von nun an ist der Tempel nicht mehr die Stätte des Gottesdienstes, sondern lediglich die Kulisse für das öffentliche Auftreten Jesu. Er ist der eigentliche Tempel, in dem der Vater gegenwärtig ist. Der jüdische Kult erscheint hier als etwas Vorläufiges und hat durch das Auftreten Jesu seine Bedeutung verloren. Damit nimmt die Darstellung des Evangelisten Johannes im Gegensatz zu den ersten drei Evangelien bereits eine abwertende Haltung gegenüber dem Alttestamentlich-Jüdischen ein, die Christen zum Teil bis heute fraglos übernehmen, als wäre es die einzig mögliche Sichtweise auf diese Frage. Wie man sehen konnte, ist der biblische Befund jedoch deutlich differenzierter.

Vertreibung der Händler in der Vorhalle des Doms zu Gurk (Foto: Ellersdorfer)
Vertreibung der Händler in der Vorhalle des Doms zu Gurk (Foto: Ellersdorfer)

Eine antijüdische Spitze ins Bild gesetzt

Wenden wir uns nun einer mittelalterlichen Darstellung dieser Szene zu. Die Wandmalerei aus der Zeit um 1340 befindet sich in der Vorhalle hinter dem Hauptportal des Domes zu Gurk und empfängt als Teil eines Zyklus biblischer Szenen Besucherinnen und Besucher, die das bedeutendste sakrale Bauwerk Kärntens besuchen. Bei ihrer Deutung sollen folgende Fragen leitend sein: Welcher biblischen Darstellung ist der Künstler gefolgt? Und: Wie kann man das Bild vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit verstehen? – Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass der Künstler keinem der Evangelien gefolgt ist, sondern eine Zusammenschau der Texte bietet. Da Jesus mit einer Geißel dargestellt wird, ist zunächst an das Johannesevangelium zu denken. Während es hier jedoch vornehmlich darum ging, die Opfertiere aus dem Tempel zu schaffen, sind diese auf der Wandmalerei gar nicht dargestellt. Stattdessen richtet sich die Gewalt gegen die Händler, die mit einer abwehrenden Geste versuchen, sich der Schläge zu erwehren. Diese werden zwar in den ersten drei Evangelien als jene genannt, gegen die Jesus vorgegangen ist, allerdings ohne Geißel. So hat der Künstler eine Komposition geschaffen, die den biblischen Text deutlich verschärft und dies in einer Zeit, in der Gewalt gegen Juden tatsächlich auch stattgefunden hat. So wurden zum Beispiel im August 1338, also in der Entstehungszeit der Wandmalerei, in Wolfsberg Juden im Zuge eines Pogroms ermordet oder vertrieben. Insofern ist bemerkenswert, dass die Händler auf der Darstellung in Gurk durch die Spitzhüte, auch „Judenhüte“ genannt, ausnahmslos als Juden gekennzeichnet sind. Dies muss nicht immer als Abwertung gedeutet werden. So empfangen in der Szene davor Menschen aus Jerusalem, ebenfalls mit Spitzhüten dargestellt, den auf einem Esel reitenden Jesus und huldigen ihm. Auch der Prophet Jesaja in der Darstellung der Geburt Jesu wird mit „Judenhut“ dargestellt und soll auf diese Weise als alttestamentliche Gestalt erkannt werden. Bei der Darstellung der Händler aus dem Tempel stellt sich die Sache jedoch anders dar. Es ist zu fragen, warum ausgerechnet diese als Juden dargestellt werden, andere Personen jüdischer Herkunft, wie etwa die Jünger oder andere, denen Jesus begegnet ist, aber nicht. Wie später in der Szene von der Geißelung Jesu deutlich wird, ist der „Judenhut“ ein Stilmittel, das tendenziell vor allem dort angewendet wird, wo negativ bewertete Personengruppen eigens als „Juden“ sichtbar gemacht werden sollen.
Es liegt auf der Hand, dass mit dieser Darstellung wohl auch ein Dokument mittelalterlichen Lebens vorliegt. Die Wirtschafts- und Gewerbeordnung dieser Zeit schloss Juden aus vielen Berufen aus. Aufgrund des Zinsverbots waren jedoch einige im Geldverleih tätig und vor allem bei ihren Schuldnern unbeliebt. Dafür gibt es auch aus Kärnten zahlreiche Quellen. Es ist anzunehmen, dass manch einer auch an Pogromen teilnahm, um sich seiner Schulden zu entledigen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Darstellung der Vertreibung der Händler in Gurk umso beklemmender: Jesus vertreibt mit einer Geißel Menschen, die mit Geld handeln. – War diese Darstellung aus dem 14. Jahrhundert nicht prädestiniert, darin auch eine Rechtfertigung für Gewalt gegen jüdische Personen zu sehen, die demselben Gewerbe nachgingen? Dass ausgerechnet die Geldwechsler als Juden dargestellt werden, befeuert zudem das Vorurteil vom raffgierigen Juden, das später in nationalsozialistischen Hetzschriften wie dem „Stürmer“ regelmäßig bedient wurde und sich auch heute noch im Gerücht niederschlägt, „Juden würden die Finanzwirtschaft kontrollieren.“ Die Wirkungsgeschichte des Vorurteils, das auf der Wandmalerei transportiert wird, reicht also bis in die Gegenwart. Insofern ist die Darstellung der Vertreibung der Händler ein mahnendes Dokument, wie die biblische Botschaft, verzerrt wiedergegeben, antijüdische Haltungen verschärft. Zudem wird klar, wie ein zeitlos anmutendes Bild als Rechtfertigung für Gewalt an Jüdinnen und Juden gedeutet werden konnte.

Eine Geißelung Jesu durch Juden? (Michael Kapeller)

In der oben genannten Vorhalle des Doms zu Gurk finden sich unter den Wandbildern mit zentralen Stationen des Lebens Jesu auch Darstellungen von seiner Passion. Gut zu erkennen sind der Einzug Jesu in Jerusalem, die Fußwaschung, das Gebet in Getsemani, die Gefangennahme und das Verhör vor dem Hohen Rat. Das darauffolgende Bild jedoch irritiert besonders. In einer Doppelszene wird gezeigt, dass Jesus entkleidet und, angebunden an eine Säule, gegeißelt wird. Anders als in den Evangelien überliefert, mischen sich hier jedoch unter die römischen Soldaten Juden, kenntlich gemacht durch Spitzhüte, sie sogenannten „Judenhüte“. Die Geißelung selbst wird nur von Juden ausgeführt. Noch deutlicher als in der Vorhalle in Gurk begegnet uns das Motiv der Geißelung Jesu durch Juden in der Pfarrkirche in Maria Gail. Datiert um das Jahr 1300 und somit der Spätromanik zuzurechnen, zeigt die Wandmalerei Jesus, an einer Säule angebunden, mit nacktem Oberkörper und übersät mit Wunden. Ihm gegenüber sind zwei Gestalten zu erkennen, die beide, ausgestattet mit einem Spitzhut, als Juden ausgewiesen sind. Die größere der beiden Gestalten umfasst mit beiden Händen eine Geißel, die wie ein Palmwedel anmutet und holt damit nach oben hin aus, bereit, auf den gebundenen Jesus einzuschlagen. Anders als in Gurk fehlen hier römische Soldaten zur Gänze.

Geißelung Jesu in der Pfarrkirche von Maria Gail (Foto: Einspieler)
Geißelung Jesu in der Pfarrkirche von Maria Gail (Foto: Einspieler)

Die biblische Überlieferung der Geißelung Jesu

Die Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas überliefern, dass Jesus, nachdem er von Judas ausgeliefert worden war, von der Tempelwache festgenommen und zu den Hohepriestern geführt worden ist. Das Verhör des Hohen Rates mündet in die Frage, ob Jesus der Messias, der Sohn Gottes, sei. Das „Ich bin es“ Jesu wird als Gotteslästerung interpretiert und mit Misshandlungen quittiert. So berichten die Synoptiker davon, dass einige ihn anspuckten. Damit wird das Motiv des Gottesknechtes aus dem Jesajabuch aufgegriffen (Jes 50,6). Die Form der Misshandlung und Verspottung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Messiasbekenntnis Jesu. Da der Überlieferung nach dem Messias eine besondere Einsicht gegeben ist, verhüllen die Diener Jesus die Augen, schlagen ihm ins Gesicht und fordern ihn auf, weiszusagen, wer der Täter sei. Daraufhin, so berichten die Evangelien, wird Jesus Pilatus übergeben. Von diesem Zeitpunkt an trägt die römische Staatsgewalt Verantwortung für das weitere Geschick Jesu. Die Schilderung des Prozesses, der in den Evangelien teils markante Unterschiede aufweist, beinhaltet eine Geißelung Jesu (Lk 23,22; Joh 19,1) bzw. schließt damit ab (Mk 15,15; Mt 27,26). In der sich daran anschließenden Verspottungsszene ziehen ihm die römischen Soldaten die Kleider aus, hüllen ihn in einem purpurroten Mantel, drücken ihm eine Dornenkrone auf das Haupt und rufen ihm „huldigende“ Schmähungen zu. Dabei beugen sie das Knie vor Jesus, spucken ihn an und schlagen ihn mit einem Rohr auf das Haupt (Mk 15,18f).

Antijüdische Interpretation der Passion

Wie ist es nun aber möglich, dass die Geißelung Jesu, die biblisch unbestreitbar von römischen Soldaten durchgeführt wurde, auf den Wandmalereien von Gurk und Maria Gail Juden angelastet wird? Ausschlaggebend dafür ist ein längerer Prozess der Entfremdung. Sind im Neuen Testament Aussagen, die sich gegen Juden richten, Ausdruck von innerjüdischen Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Gruppen, so werden diese Texte nach der Trennung der Jesusanhänger von der jüdischen Gemeinschaft ab der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts zunehmend antijüdisch gelesen und verstanden. In aller Schärfe wird diese Sichtweise durch Bischof Melito von Sardes in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts zum Ausdruck gebracht. Dieser erhebt in seinen Paschahomilien offen den Vorwurf des Gottesmordes durch Israel. Wenn Melito behauptet, der König Israels sei beseitigt worden von Israels Hand, begründet er damit die Unterstellung einer Kollektivschuld Israels am Tod Jesu. Dieser Vorwurf des Gottesmordes wurde in vielen Katechesen und Predigten aufgegriffen und bis ins 20. Jahrhundert als Begründung und Rechtfertigung für Verfolgungen und Pogrome an der jüdischen Bevölkerung ins Treffen geführt.

Die liturgischen Anklagen der Improperien

In seinen Homilien bedient sich Melito des Stilmittels der Gegenüberstellung von Gottes guten Taten und der Ablehnung durch sein Volk. Im christlichen Osten wurde dieser Kontrast bereits früh im Gottesdienst aufgegriffen und das Gedenken des Todes Jesu mit förmlichen Anklagen gegen Juden verknüpft. In der Westkirche wiederum prägte die Gegenüberstellung zwischen den Leiden Jesu und den Verursachern dieser Leiden die sogenannten Improperien. Dabei handelt es sich um Gesänge, in denen sich Christus aus der „Ich-Perspektive“ unmittelbar an sein Volk wendet und es anklagt, seine Heilstaten mit der Auslieferung an den Hohen Rat und an Pilatus sowie mit Misshandlungen beantwortet zu haben. Erste Quellen dieser Texte reichen bis ins 6. Jahrhundert. Bereits vor der Jahrtausendwende wurden diese Gesänge mit der Kreuzverehrung am Karfreitag verbunden. Die heutige Gestalt erfuhren sie im 15. Jahrhundert mit der Aufnahme ins Römische Messbuch. Dabei wurden die einzelnen Teile und Strophen mit dem wiederkehrenden Ruf verbunden: „Mein Volk, was habe ich dir getan, womit nur habe ich dich betrübt? Antworte mir.“ Seit 1970 ist im Messbuch die Verwendung der Improperien bei der Kreuzverehrung am Karfreitag freigestellt.

Die Geißelung Jesu durch „sein Volk“

Wer ist nun aber der Adressat dieser Anklage Gottes? Zunächst ist festzuhalten, dass die Improperien Ausdruck einer christlichen Passionsfrömmigkeit sind. Somit richten sich die Anklagen an die versammelte Gottesdienstgemeinde bzw. die Christenheit insgesamt, nicht an das Judentum. Zugleich waren diese Gesänge jedoch anfällig für den Antijudaismus. Dies liegt auch daran, dass die Heilstaten, die Gott aufzählt, allesamt dem Alten Testament entnommen sind. Somit wurde immer wieder das Volk, das von Gott nur Gutes erfahren hat und das nun Jesus übel mitspielt, nicht mit der Christenheit, sondern mit dem jüdischen Volk identifiziert. In den Improperien findet sich auch eine Strophe, die sich auf die Geißelung Jesu bezieht: „Ich habe dich in der Wüste mit Manna gespeist, du aber hast mich ins Gesicht geschlagen und mich gegeißelt.“ Vor diesem Hintergrund ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Wandbilder in Gurk und Maria Gail von den Improperien inspiriert worden sind. Gewiss aber ist: Die Botschaft dieser Bilder ist falsch. Sie sind Ausdruck einer Diffamierung der des Judentums.
In den letzten 60 Jahren hat sich das Verhältnis von Christen und Juden grundlegend geändert. Neue Textfassungen der Improperien sind entstanden. So legt der Kirchenmusiker Andreas Gassner Christus folgende Worte in den Mund: „Deinetwegen habe ich das Kreuz auf mich genommen, auf meinen Schultern Deine Gebrechen getragen. Du wirst doch die Mitmenschen entlasten und befreien!“ Heute wissen wir um die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes durch Gott und sind mit Jüdinnen und Juden als unseren älteren Geschwistern im Glauben verbunden.