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Kärntner Kirchenzeitung - „Sonntag”

Zur Familie gibt es keine Alternative

Clemens Sedmak im SONNTAG-Interview

Zum Festakt „60 Jahre Katholischer Familienverband Kärnten“ sprach der Theologe, Philosoph und Sozialwissenschafter zum Thema „Was bleibt, wenn Familie geht?“

Zum Festakt „60 Jahre Katholischer Familienverband Kärnten“ sprach der Theologe, Philosoph und Sozialwissenschafter SONNTAG-Gespräch zum Thema „Was bleibt, wenn Familie geht?“ (© Foto: KH Kronawetter / Internetredaktion)
Zum Festakt „60 Jahre Katholischer Familienverband Kärnten“ sprach der Theologe, Philosoph und Sozialwissenschafter SONNTAG-Gespräch zum Thema „Was bleibt, wenn Familie geht?“ (© Foto: KH Kronawetter / Internetredaktion)
Univ.-Prof. DDDr. Clemes Sedmak (© Foto: ifz salzburg)
Univ.-Prof. DDDr. Clemes Sedmak (© Foto: ifz salzburg)

Anlässlich 60 Jahre Familienverband sprechen Sie zum Thema: „Was bleibt, wenn Familie geht?“ Wie leben Sie persönlich Familie?
Sedmak: Ich erlebe mein Leben als ständiges Austarieren zwischen Familie und allem, was drumherum ist. Das ist nicht wirklich zu schaffen. Wir haben drei Kinder. Zwei davon sind in der Pubertät. Nun müssen wir erstmals überlegen, wie wir unser Leben familienfreundlicher gestalten, weil es so auf Kosten meiner Frau und der Kinder geht.


Machen Sie sich eigentlich Sorgen um die Familie?
Sedmak: Ich mache mir Sorgen um die Lebbarkeit eines guten Familienmodells. Die Idee eines christlichen Familienbildes als sich behütende Kernfamilie verliert zunehmend an Plausibilität. Weniger auf der emotionalen Ebene, denn die Jugendlichen sehnen sich nach wie vor danach. Aber von der Lebbarkeit dessen sind wir weit weg.

Wenn es nicht lebbar ist – macht das Festhalten an diesem Modell dann noch Sinn?
Sedmak: Wenn die Leute sagen: Du siehst ja, dass es nicht funktioniert, dann hilft es wenig, diese Familienform als Ideal hinzustellen. Denn die Leute sagen zu Recht: Was soll ich mit einem Ideal, das nicht erreichbar ist? Man ist in dieser Diskussion ständig in der Defensive.

Das klingt nicht sehr optimistisch. Stellt sich die Frage des Vortrages: Was bleibt, wenn Familie geht?
Sedmak: Ich bin da auch kein Pessimist. Ich glaube ja nicht, dass die Familie geht. Es stellt sich aber weniger die Frage, was dann bleibt, sondern was kommt. Die Familie ist unter Druck, und es wird zunehmend schwieriger, dieses Ideal zu leben. Aber Familie wird es in irgendeiner Form immer geben.

Was ist für Sie Familie?
Sedmak: Mit einer Definition kann ich nicht dienen. Man muss um eine Diät von Beispielen bemüht sein. Ich lege mich daher nicht auf ein konkretes Beispiel fest, was jetzt Familie ist. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass es sehr viele Formen gibt. Ich unterscheide auch nicht gerne zwischen Kernfamilie und „externer“ Familie.

Wie sehen Sie das Festhalten der Kirche am bisherigen Familienbegriff?
Sedmak: Da muss die katholische Kirche sicher reagieren. Sie kann nicht immer nur die eine Karte ziehen und sagen: Das ist das Ideal, und wenn ihr davon abfallt, seid ihr fern. Da muss sich auch in der kirchlichen Sprache vieles ändern. In ihren Dokumenten sollte die katholische Kirche mit dieser faktischen Pluralität des Familienbildes auch etwas flexibler werden. Dann müssten wir nicht ständig aus der Defensive heraus argumentieren.

In England hat die Diskussion rund um die Ehe Homosexueller heftige Kontroversen ausgelöst. Wie beurteilen Sie die Debatte – auch im Hinblick auf Österreich?
Sedmak: Da wird sich die Kirche überlegen müssen, wie sie eine starke Position und die richtige Sprache findet. Ich halte es für legitim, zu sagen: Wir sind dagegen! Es gibt auch gute Gründe, gegen eine rechtliche Gleichstellung von gemischt- und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zu sein. Aber trotz der klaren Argumente müssen die Kirche und ihre Vertreter immer vor Augen haben, dass es nicht um die Position an sich geht, sondern um Menschen. Ob dies gesehen wird und gelingt – da bin ich Pessimist. Ich fürchte, dass da die Kirche wie schon so oft versagen wird.

Meinen Sie nicht auch, dass gerade Papst Franziskus die passende Sprache findet?
Sedmak: Der Papst sagt: Das Dogma ist eh klar, handeln wir lieber. Papst Franziskus schlägt aber eine Bresche für eine demütige Kirche. Es geht um eine glaubwürdige Kirche. Wenn ich Menschen aus guten theologischen, aber auch anderen Gründen vom Ehesakrament ausschließe, muss ich dennoch zeigen, dass sie auch im christlichen Sinn vollwertig sind.

Apropos Ausschluss von den Sakramenten: Wie sehen Sie die Haltung der Kirche gegenüber geschiedenen Wiederverheirateten?
Sedmak: Da kann ich aus meiner eigenen Geschichte erzählen. Als mein Vater nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft zurückkam, war seine Ehe zum Scheitern verurteilt. Er ließ sich scheiden und heiratete 1969 ein zweites Mal. Er hat sein Leben lang darunter gelitten. Diejenigen, die zu den Sakramenten nicht zugelassen werden und darunter leiden, sind ja jene, denen die Sakramente noch etwas bedeuten. Da lässt die Kirche viele zutiefst gläubige Menschen links liegen. Man erzeugt damit Wunden. Da muss man sich etwas überlegen.

Abschließend: Was sollte die Politik für die Familie tun?
Sedmak: Die Familie ist die Keimzelle und das Fundament der Gesellschaft. Wenn man sie nicht entsprechend ausstattet – rechtlich und finanziell –, wo soll dann die künftige Gesellschaft herkommen? In der Bankenkrise 2009 hieß es: Zur Bankenrettung gibt es keine Alternative. Heute muss man den Politikern sagen: Zur Rettung der Familie gibt es keine Alternative!