Organisation

Kärntner Kirchenzeitung - „Sonntag”

„Wir Frauen müssen jetzt anfangen, unsere Macht zu nutzen“

Die Vorsitzenden von kfb und „Frau in der Wirtschaft“ im Gespräch mit Gerald Heschl

 (© Foto: Eggenberger)
(© Foto: Eggenberger)

Sie leiten beide eine Frauenorganisation in Institutionen, wo eher wenig Frauen in leitenden Positionen sind. Wie geht es Ihnen damit?
Wulff-Lübbert: Die Organisation, der ich seit Oktober vorstehe, ist die größte Frauengruppierung Österreichs. Womit wir uns auseinander setzen müssen, ist die Struktur der Kirche. Diese ist männlich orientiert. Wenn wir uns aber die Evangelien genau anschauen, kommen hier viele Frauen vor. Aber die Stellen in der Bibel, wo Frauen vorkommen, überliest man halt gerne und konzentriert sich auf jene Stellen, die den Status quo einzementieren. Ich weiß schon, dass man Strukturen nicht von heute auf morgen ändert. Wir wollen aber der Stachel im Fleisch der Katholischen Kirche bleiben.

Sind Sie mit „Frau in der Wirtschaft“, der Plattform für Unternehmerinnen, auch ein Stachel in der Wirtschaftskammer?
Wostal: Das wurde anfänglich sicher auch so gesehen. Ich habe mich eine Zeit lang sehr exponiert und beobachtet gefühlt. Allerdings zu allererst von Frauen, weil die Erwartungshaltung sehr hoch war. Man meinte: Die löst jetzt alles, und zwar in kürzester Zeit. Es gibt aber keine simplen Antworten. Es sind nicht alle Probleme gelöst, wenn die Männer ab jetzt zu Hause bleiben.

In der Wirtschaft werden derzeit Frauenquoten heftig diskutiert. Wie stehen Sie dazu?
Wostal: Ich meine, dass eine Quote in gewissen Bereichen für eine gewisse Zeit Sinn macht. Dies deshalb, weil Frauen dann sichtbar werden.

Was heißt das?
Wostal: Wenn ein Vorstandsposten nachbesetzt wird, dann überlegt man zunächst in der kleinen Runde der Führungskräfte. Wenn das nur Männer sind, wird die Nachbesetzung meist männlich sein. Wenn man nun verpflichtend einführt, dass auch an Frauen gedacht werden muss, werden sie qualifizierte Frauen finden. Und diese Frauen bringen wieder ihre Netzwerke mit. Mir geht es um das Bewusstsein, dass wir prinzipiell immer an Männer und Frauen denken.

Aber auch wenn das geschieht, haben es Frauen oft schwerer ...
Wulff-Lübbert: Man muss als Frau schon oft mehr strampeln und mehr Leistung erbringen als ein Mann in einer gleichwertigen Position. Das hängt vielleicht auch mit dem Rollenbild zusammen. Unsere Kinder bekommen von klein auf Rollen zugeschrieben. Auch wenn man selbst dagegen arbeiten will, geschieht dies in der Familie oder im Bekanntenkreis genauso wie in der Werbung. Ich meine nicht, dass wir gleich sind, aber es geht um die Wertigkeit: Männern und Frauen ist bei aller Unterschiedlichkeit der gleiche Wert zuzumessen.
Wostal: Als Frau lebe ich heute in einem Dilemma: Gehe ich arbeiten oder bin ich selbstständig, dann bin ich die Rabenmutter. Bleibe ich zu Hause, dann verdumme ich in den Augen der anderen und bin nichts wert. Also wie man es macht, als Frau macht man es falsch.

Fehlt da nicht auch die Unterstützung der Wirtschaft, dass man als Frau etwa leichter zu Hause bleiben kann?
Wostal: Für mich sind Männer und Frauen für ihr Leben jeweils selbst verantwortlich. Dafür ist ein durchschnittlicher Wirtschaftsbetrieb nicht zuständig. Wir müssen unsere Gesellschaft, aber auch die Familie eben so organisieren, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt.

Frau Wulff-Lübbert, würden Sie sich mehr Frauen in kirchlichen Führungspositionen wünschen?
Wulff-Lübbert: In beratende Gremien werden hier in Kärnten Frauen schon sehr gut einbezogen. Das ist sehr positiv. Ich würde es aber begrüßen, wenn Frauen auch in der Kirche in Führungspositionen sein können. 

Wie wird sich die kfb für die Frauen einsetzen?
Wulff-Lübbert: Das Jahresthema der kfb ist „Heute Christin sein – glaubwürdig, spürbar und wirksam“. Für die Zeit, die ich gewählt bin, möchte ich „spürbar und wirkungsvoll“ werden. Aber nur, wenn wir glaubhaft bleiben, können wir etwas Spürbares verwirklichen. Und ich will die KFB aus dem Schattendasein führen, das sie jetzt noch hier in Kärnten führt. Unser Stachel ist jetzt noch ein Rosendorn, es könnte aber auch ein Akazienstachel werden.
Wostal: Wenn Frauen zum Priesteramt zugelassen würden, wäre das aus meiner Sicht ein Riesenschritt, der viele Menschen wieder zur Kirche bringen würde. Aber ich sehe im Moment niemanden, der das umsetzen könnte. Ich bin überzeugt, das würde auch in der gesamten Gesellschaft ein grundlegendes Umdenken herbeiführen. Das wäre ein Traum!
Wulff-Lübbert:  Wir haben schon damit zu kämpfen, dass wir in der Kirche strukturell nicht so fix verankert sind, dass wir absolut unumstritten wären.
Wostal: Das kenne ich auch. Aber meine Strategie ist es, mich nicht in Grabenkämpfe verwickeln zu lassen, sondern im Gegenteil eher provokant zu sein. Außerdem wünsche ich mir eine viel stärkere Vernetzung untereinander, um Synergien bei jenen Themen zu suchen, wo wir übereinstimmen. So werden wir gehört und haben auch entsprechende Ressourcen. Wir müssen uns als Frauen bewusst sein, dass wir eine große Macht haben. Und jetzt müssen wir anfangen, sie zu nutzen.

 

Zur Person:

Sylvia Wostal, gebürtige Münchnerin, lebt seit 1991 in Kärnten. Seit 2007 ist sie als Unternehmerin tätig und wurde 2008 zur Landesvorsitzenden von „Frau in der Wirtschaft“ – der Plattform für Unternehmerinnen in der Wirtschaftskammer – gewählt. Seit 2010 ist Sylvia Wostal Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Kärnten. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern.

Ilona Wulff-Lübbert, aufgewachsen in Hamburg, kam 1976 nach Kärnten. Sie ist künstlerische Leiterin der Musical Company in Klagenfurt und seit 2011 Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Kärnten. Ilona Wulff-Lübbert ist Mutter einer Tochter.