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Kärntner Kirchenzeitung - „Sonntag”

Unsere Asylpraxis ist ein Lotteriespiel

Flüchtlingshelferin Barbara Greinöcker im Interview

Die Theologin Barbara Greinöcker war 20 Jahre in der Flüchtlingsarbeit aktiv. Ein Gespräch über Menschenwürde und Asylgesetze.

Greinöcker: Wenn sich 20 Leute aufgrund ihrer christlichen Einstellung zusammentun, hat die Kirche gesprochen. (© Foto: Eggenberger)
Greinöcker: Wenn sich 20 Leute aufgrund ihrer christlichen Einstellung zusammentun, hat die Kirche gesprochen. (© Foto: Eggenberger)

Sie haben während der letzten 20 Jahre bei der Caritas Flüchtlingshilfe geleistet, von der Basis-Sozialarbeit bis zur Heimleitung, zuletzt als Abteilungsleiterin für Oberösterreich. Was hat sich rückblickend während dieser zwei Jahrzehnte verändert?
Greinöcker: Vor drei Jahren hätte ich noch gesagt: Es ist alles immer schlimmer geworden.

...und heute?
Greinöcker: Heute sehe ich eine Wellenbewegung. Als wir in den 90er Jahren mit der Flüchtlingsarbeit begonnen haben, waren wir die Helden. Und auch die Flüchtlinge waren Helden, Opfer eines Krieges, wie im ehemaligen Jugoslawien, denen man als Nachbar Hilfe leisten muss.

Das hat sich ja grundlegend geändert.
Greinöcker: Mit der zunehmenden Wanderungsbewegung ist die Ablehnung gestiegen und auch politisch geschürt worden. Es entstand der Eindruck, wir Flüchtlingsbetreuer haben keine Stimme mehr im Gespräch mit dem Staat. Dennoch gab es immer Behördenvertreter, die bereit waren, menschliche Lösungen anzugehen. Es war für beide Seiten ein extrem mühsamer Weg, den wir oft gegen die öffentliche Meinung gehen mussten.

Welche Rolle hat die Kirche in dieser Entwicklung gespielt?
Greinöcker: Es waren immer kirchlich getragene Einrichtungen, die zugegriffen haben, wenn sonst keiner mehr da war. Denken Sie nur an das enorme Engagement der Caritas! Und wenn nicht die Caritas selbst, dann waren es kirchlich organisierte Menschen, die mit humanitär orientierten Gruppen gearbeitet haben, wie bei der Bosnien-Aktion: In wie vielen Pfarrhöfen wurden da Leute untergebracht für lange Zeit – ist das kein Zeichen?

Das ist die Basis.
Greinöcker: Die Basis ist die Kirche. Auch wenn sich 20 Leute in einem Ort aufgrund ihrer christlichen Einstellung zusammentun und sich für Flüchtlinge einsetzen, hat die Kirche gesprochen.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung bei diesem Engagement?
Greinöcker: Das Schwierigste ist, nicht in ein Lagerdenken zu verfallen: hier die Gutmenschen Flüchtlingsbetreuer, da die Bösmenschen Beamten. Die Tatsache, dass der Schreibtisch, an dem wir verhandeln, zwei Seiten hat, lässt sich nicht ändern. Aber das heißt nicht, dass wir Höflichkeit und Respekt voreinander außer Acht lassen müssen.

Wie ist das Verhältnis zur Polizei?
Greinöcker: Ich habe viele junge Polizisten fast daran zerbrechen sehen, weil sie Kinder um vier Uhr früh aus dem Bett holen mussten, um sie auf die Abschiebung vorzubereiten. Da gibt es so viel Schweres auf beiden Seiten, dass es besser wäre, menschlich miteinander zu kommunizieren, statt sich Vorurteile an den Kopf zu werfen.

Sie sind als katholische Theologin in diese Materie eingetaucht. Wie hat das Ihre Arbeit mit Flüchltingen beeinflusst?
Greinöcker: Als die massive Kritik an „den Ausländern“ aufgekommen ist, hat mich meine tiefe Überzeugung getragen, dass jeder Mensch von Gott geschaffen und damit gleichwertig ist. Mir als Christin steht es nicht zu, Gottes Geschöpfe einzuteilen. Jesus von Nazareth hat keine Unterschiede gemacht und das auch sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Dieser Haltung fühle ich mich zutiefst verpflichtet.

Sie haben das Asylwesen einmal mit einer Lotterie verglichen. Wie begegnet man einer Praxis, bei der über menschliche Schicksale quasi „per Los“ entschieden wird?
Greinöcker: Wenn ein System so unberechenbar wird, wie es das Asylverfahren ist, so dass man persönlich oft das Gefühl hat, in einem Spiel zu sein, dessen Regeln man nicht kennt, dann sucht man einen Boden, auf dem man noch stehen kann.

Was ist Ihr Boden?
Greinöcker: Mein persönliches Motiv ist mein Glaube, dass es immer eine Auferstehung gibt. Das heißt für mich, dass Gott für jeden einen Weg weiter parat hat, auch wenn er nicht hier weitergeht. Das soll keine Ausrede sein. Nur wenn menschliche Möglichkeiten der Hilfe am Ende sind, dann hilft es, zu wissen, dass da noch jemand ist.

Ihre Einschätzung für die Zukunft?
Greinöcker: Ich glaube nicht, dass es leichter wird. Aber ich glaube auch nicht, dass es sinnlos ist. Das öffentliche Interesse an Themen wie Integration und Multikulturalität hat zugenommen, und die Debatte in den Medien wird wieder geführt. Das ist auf jeden Fall hilfreich. Jetzt sind die Jungen gefordert. Die nächste Generation nimmt die Dinge differenzierter wahr. Menschen mit multi-ethnischem Hintergrund sind ihre Schulkollegen gewesen, das eröffnet einen anderen Zugang. Natürlich polarisiert das Thema auch die Jugend. Je nachdem, wie sie ihre Lebenseinstellung wählen, ob sie mit Ich und Du noch etwas anfangen können oder ob nur noch das Ich im Vordergrund steht, so werden sie auch mit anderen Menschen umgehen.