Seligpreisungen und Vergebung
Der Evangelimann: Kooperation mit der Volksoper Wien
Der Evangelimann feierte am Klagenfurter Stadttheater Premiere. von Ingeborg Jakl

Vergebung ist eine der spirituellsten Grundhaltungen überhaupt. Und das ist auch das große Thema der Oper „Der Evangelimann“. Zwei Brüder, Mathias und Johannes, lieben Martha. Die aber hat sich bereits für Mathias entschieden. Voller Neid und Missgunst beobachtet Johannes die beiden und versucht, sie auseinander zu bringen. Es gelingt nicht, und deshalb legt Johannes ein Feuer und beschuldigt seinen Bruder der Brandstiftung. Der wird, trotz Protest von Martha („Er ist unschuldig“), festgenommen und verurteilt.
Zwanzig Jahre Gefängnis zeigen ihre Spuren. Mathias ist ein gebrochener Mann, denn Martha hat sich vor Kummer umgebracht. Er zieht als um Almosen bettelnder Evangelimann durch die Hinterhöfe und liest den Menschen aus der Bibel vor. „Lasset die Kleinen zu mir kommen, ich will euch das Wort Gottes lehren“, und das mündet in jene Arie, die fast Volksliedcharakter erreichte. „Selig sind, die Verfolgung leiden.“ Ein Lied, das gefährlich nahe an der Rührseligkeit vorbeischrammt. Aber nur fast – in der Inszenierung von Josef E.Köpplinger. Dem gelingt es auch Dank eines großartigen Kinderchores, diesen Bruderzwist berührend darzustellen. Denn Johannes wird seiner Tat nicht froh und versöhnt sich schließlich auf seinem Krankenlager mit dem Bruder. Der zweite Akt lebt von der Konfliktlösung und der christlichen Vergebungsthematik, als Johannes sterbend den Bruder anfleht, ihm, dem Verzweifelten, zu vergeben.
Gleich der erste Akt signalisiert mit seinem Bühnenbild, worauf es im Leben ankommt. Nämlich auf Vergebung. Auf großen schwarzen Wänden stehen dicht beschrieben die Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium. In diese Wände hinein ist eine bunte Dorfidylle mit Wirtshaus und Kirche gezeichnet. Die Akteure beweisen schauspielerische Qualitäten, agieren allesamt spielfreudig.
Von den Solisten sind Magdalena (Anna Agathonos), die Freundin Marthas, und Martha (Alexandra Reinprecht) hervorzuheben. Mathias (Johannes Chum) steigert sich im zweiten Akt. Ihm zur Seite Johannes (Hans Gröning), der überzeugend um seine Erlösung fleht. Dazu kommt ein gut vorbereiteter Chor, Extrachor und Kinderchor (!) des Stadttheaters Klagenfurt. Bühnenbild (Johannes Leiacker) und Kostüme (Marie-Luise Walek) runden das Gesamterscheinungsbild ab.
Der Evangelimann oder die These der Vergebung. Bei seiner Entstehung durch Wilhelm Kienzl 1893 eine fast romantische Erklärung eines Sittenbildes. Heute nicht weniger aktuell, weil viele in der Ego-Gesellschaft nicht mehr wissen, wie man Vergebung buchstabiert. Das Klagenfurter Stadttheater hilft dabei!