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Kärntner Kirchenzeitung - „Sonntag”

Maler sein ist kein Beruf, sondern eine unheilbare Krankheit

Valentin Oman im Gespräch mit Gerald Heschl über seine Suche nach dem idealen Menschenbild

Ich finde die Kärntner Politik nicht so interessant, dass sie ein Thema für meine Kunst wäre. (© Foto: Foto: Eggenberger)
Ich finde die Kärntner Politik nicht so interessant, dass sie ein Thema für meine Kunst wäre. (© Foto: Foto: Eggenberger)

Wir sitzen hier in St. Stefan ob Finkenstein/Šteben in einer wunderbaren Landschaft, vor uns die Karawanken. Ist Kärnten, diese Landschaft, eine besondere Inspiration?
Oman: Ich habe eher meine Pro-bleme mit der Landschaft. Wenn man jeden Strauch, jede Wegbiegung kennt, ist das im Denken nur reproduzierend. Das ist eine Landschaft, die zu wenig Freiraum für die Phantasie lässt. Ich habe lieber unbekannte, neue Landschaften, weil sie für mich anregender sind.

... oder Menschen? Wenn man Ihre Arbeiten verfolgt, dann steht eigentlich immer der Mensch im Mittelpunkt. In vielen Facetten und Formen scheint er interessanter als alle Landschaften.
Oman: Ja, der Mensch ist seit der Akademie das zentrale Thema. Es ist fast ein Sisyphos-artiger Versuch, die eigene Figur zu finden. Aber wie es ausschaut, ist es mir bis heute nicht gelungen, sonst könnte ich ja schon aufhören.

Wie weit ist diese Suche nach dem Menschen etwas Religiöses? Sie benennen Ihre Bildzyklen ja auch mit biblischen Begriffen?
Oman: Das ist sicher etwas Eigenes, für mich Typisches: Dort, wo der Mensch Tragisches erleidet, liegt mein Interesse. Ich will nicht nur für die Kunst arbeiten im Sinne eines „L´art pour l´art“. Ich brauche ein Thema, das mich beschäftigt. Und mich beschäftigen nun einmal Schicksale. Ich kann mich nicht abschotten, wenn etwa die Twin-Towers in New York einstürzen. Oder wenn ich auf einem Malersymposium in Piran bin und wir auf einmal mitten im Krieg stecken.

Damals malten Sie den Piraner Kreuzweg, der heute in Tanzenberg hängt?
Oman: Ja, denn ein Thema wie der Kreuzweg liegt hier nahe. Aber die übliche Illustration des Kreuzwegs ist für mich nicht so interessant. Auch in dem Fall geht es mir um das Thema. Alle 14 Stationen sind sozusagen gleichwertig, jede Tafel an sich behandelt ein eigenständiges Thema. Bis auf die Letzte, in der sich die Leidensgeschichte in Blau auflöst. Das ist dann nicht mehr das Kreuz des Leidens. 

Inzwischen widmen Sie sich aber doch auch Landschaften – auch hier mit einem typischen „Oman-Zugang“?
Oman: Auch bei den Landschaften interessiert mich nicht das, was man oberflächlich sieht, sondern viel mehr das, was unter der Erde ist. Derzeit arbeite ich an dem Zyklus „Himmel und Erde“, und die Resultate schauen aus wie histologische Schnitte durch die Erdschichten. Da bestehen sicher auch Ähnlichkeiten mit den Tsunami-Fotos, die aus Japan kamen. Dieses ganze angeschwemmte Material kann man zwar fotografieren, aber malerisch dem Thema nahezukommen ist schon schwer. Das Schlimme ist, dass man als Maler eine solche Katastrophe aus dem ästhetischen Blickwinkel betrachtet – wie eine traumhafte Installation.

Eher albtraumhaft, oder?
Oman: Das sind Emotionen, die so stark sind, dass man im Vergleich dazu nur kleine Ansichtskarten herstellen kann. Dasselbe gilt ja auch für die Sprengung der Twin-Towers   in New York. Das ist eine „Land-Art“, wie sie kein Maler herstellen kann. Da stößt man an die Grenzen der Kunst.

Im Grund kann man sich solchen Themen doch nur experimentell nähern. Ähnlich geschieht es ja auch bei Ihren Darstellungen von Menschen. Wieviel Experimentierfreude steckt in Valentin Oman?
Oman: Als Maler hat man nach einer gewissen Zeit eine Routine, die störend wirkt. Ich habe begonnen, die erste Schicht meiner Malerei zu zerstören, sie zu überkleben und dann wieder abzureißen. So spielt der Zufall eine Rolle, aber ich zerstöre dadurch die Geläufigkeit. Ich kann den Arbeitsprozess so lange wiederholen, bis ich mit der Mauer zufrieden bin oder auch mit den Tafelbildern.

Ein besonders experimentelles Feld ist doch Ihre Arbeit mit Glas ...
Oman: Mit einem Glasfenster erhält man Effekte, Aussagen, die man mit der Malerei nicht erreicht. Hier spielt das Licht eine ganz besondere Rolle. Die Figuren lösen sich in Licht auf. Das hat etwas Jenseitiges. Egal, wie man sich das „Danach“ vorstellt, das ist in jedem Fall eine Überleitung zum Geheimnis, was dann kommt. Der Zugang über das Material Glas ist auch für ein breiteres Publikum möglich, weil das Glas selbst eine andere Ausstrahlung hat wie eine bemalte Leinwand.

Glaskunst, Glasfenster strahlen ja schon in den gotischen Kathedralen etwas Mystisches, Überirdisches aus. Was macht diesen Reiz aus?
Oman: Es ist die Auswahl der Farben. Hier in St. Stefan/Šteben habe ich Ultramarin verwendet als Symbol für den Himmel und dann Ambra für die Figuren. Sie lösen sich in Licht auf. Und mit jedem Schritt verändern sich die Figuren, weil durch das reliefartige geschmolzene Glas die Lichtbrechung immer anders ist. Ich habe daher auch bewusst den Titel „Ecce homo, lux aeterna“ gewählt.

Am Beginn Ihrer Karriere standen Arbeiten an Bauten, an Aufbahrungshallen, Kirchen ...
Oman: Das ist ein spezielles Thema: Früher hat man von Baukunst gesprochen, heute spricht man von Kunst am Bau – ein Prozent der Bausumme. Es wäre ja interessant, wie der Stephansdom ausschauen würde, wenn man damals schon so gedacht hätte.

Ihre Arbeiten – ich nehme nur wieder einmal Tanzenberg – sind ja auch enorme physische Leistungen. Woher nehmen Sie die Kraft?
Oman: Das war gar kein Problem. Ich habe die ganze Zeit Musik gehört. Außerdem lebte ich als Schüler acht Jahre in Tanzenberg und habe einfach später dann ein Jahr angehängt. Das Arbeiten fällt mir nicht besonders schwer. Im Gegenteil: Wenn ich nichts zu tun habe, geht mir etwas ab, und ich hielte es auch gar nicht aus. In dem Sinne ist es kein Beruf, sondern eine unheilbare Krankheit, Maler zu sein.

Sie sind ja auch ein politischer Mensch. Wie weit ist Malen, ist die Kunst, ein politischer Akt?
Oman: Ich finde die Kärntner Politik gar nicht so interessant, dass sie ein Thema für meine Malerei wäre.

Aber Sie haben sich immer wieder dazu geäußert, auch künstlerisch ...
Oman: Natürlich. Nehmen Sie die Kärntner Ortsnamen: Ich habe versucht, sie alle auf Stelen in Eisen zu gießen. Eine steht jetzt vor der Klagenfurter Uni. Aus meiner Sicht sind Ortsnamen ein Kulturgut, und mit einem Kulturgut geht man anders um. Ich hätte ja eine Idee: Nachdem wir schon „Die Römer in Kärnten“ hatten, warum dann nicht „Slowenen in Kärnten“? Damals standen überall gelbe Tafeln mit den lateinischen Namen. Stellen wir doch für ein Jahr gelbe Tafeln mit allen 900 slowenischen Namen auf! Ich bin gespannt, ob das jemanden stört. Jeden römischen Namen, den man neu entdeckt, feiert man. Eine lebendige Kultur lässt man aber links liegen. Ein kulturell interessiertes Volk bräuchte keinen Staatsvertrag. Es würde aus eigenem Interesse die slowenische Kultur sichtbar machen.

 

 

Zur Person:

Valentin Oman, geb. am 14. Dezember 1935 in St. Stefan/Šteben bei Villach, maturierte 1958 im Marianum Tanzenberg/Plešivec. Von 1958 bis 1962 studierte er bei Prof. Hilde Schmid-Jesser an der heutigen Universität für angewandte Kunst in Wien, 1963 schloss er eine Spezialklasse für Druckgrafik bei Professor Riko Debenjak an der Akademie für bildende Kunst in Laibach / Ljubljana ab.
Bekannteste Arbeiten: Bundesgymnasium für Slowenen in Klagenfurt; Wandmalerei und der Piraner Kreuzweg in der Kirche Tanzenberg/Plešivec; Dolmetscherkabine in der Uni Klagenfurt mit Schriftbändern der zweisprachigen Ortsnamen Kärntens.