Lasst es zu, dass Christus in euch brennt!
Papst Benedikt XVI. in Deutschland
Mit dem Leitwort „Wo Gott ist, da ist Zukunft“ spricht Benedikt XVI. der Kirche in Deutschland auf fast gleiche Weise Mut zu wie vor vier Jahren in Österreich. Es lässt aufhorchen, wenn der Papst, vor allem als feinsinniger Denker und Vortragender bekannt, dabei noch stärker betont: Es gehe nicht darum, von Gott zu reden, sonden aus Gott heraus zu leben. Tun ist wichtiger als das Reden davon. Seine sonst so geschliffene Sprache wird dabei stellenweise spontan und fast holprig.
Ökumene leben
Im Augustinerkloster in Erfurt, wo Luther seinen Weg begonnen hat, trifft sich der Papst mit führenden Vertretern der Evangelischen Kirche: „Wir werden dort miteinander beten, auf das Wort Gottes hören, miteinander denken und noch sprechen. Wir erwarten keine Sensationen. Das eigentlich Große daran ist eben dies und dass wir so inwendig beieinander sind und sich wahrhaft Ökumene ereignet.“ Ökumene ist nicht das Ergebnis von Verhandlungsergebnissen. Einheit wächst „nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinwachsen in den Glauben“.
Mission (im)possible
Dabei gilt das Gleiche, was Benedikt auch für die Kirche überhaupt einmahnt: Wenn der Blick auf das Negative fixiert bleibe, dann erschließe sich das „große und tiefe Mysterium der Kirche nicht“. Eine verklärende, vertröstende Sicht, die von aktuellen Problemen ablenkt?
Der Papst lädt im Berliner Olympia-Stadion ein, die Kirche von ihrer Sendung her zu denken, im Bild des Weinstocks, „dieses im Orient üppig rankenden Gewächses, eine Metapher für die Schönheit und Dynamik der Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern und Freunden und mit uns“.
Kirche ist eine Lebensgemeinschaft mit Christus und füreinander, die durch die Taufe begründet werde, legt er den Schwerpunkt auf den Sinn, nicht die Struktur der Kirche. Sie ist da, um Menschen „den Weg der Heilung und des Lebens zu eröffnen. Das ist die eigentliche und große Sendung der Kirche, die ihr von Christus übertragen ist“ in einer Zeit „der Rastlosigkeit und Beliebigkeit, wo so viele Menschen Orientierung und Halt verlieren, wo die Treue der Liebe in Ehe und Freundschaft so zerbrechlich und kurzlebig geworden ist“.
Gott begegnen
Das sei nicht zuerst Sache von Struktur und Organisation, davon habe die Kirche in Deutschland und der westlichen Welt sicher genug. Das sei zuerst eine Frage, ob wir uns von Christus ergreifen und unser unser Leben von ihm umgestalten lassen: „Lasst es zu, dass Christus in euch brennt!“, ruft er den Jugendlichen zu, die sich in Freiburg zu einer Gebetsnacht versammelt haben. „Ich vertraue darauf, dass Ihr und viele andere junge Menschen Leuchten der Hoffnung seid, die nicht verborgen bleiben!“ Wenn wir unsere Wahrnehmungsfähigkeit für Gott entwickeln, lässt er sich finden: in der großen Rationalität der Welt, in der Schönheit der Schöpfung, im Wort der Heiligen Schrift, in der Begegnung mit Menschen. „Ich denke nicht nur an die Großen: von Paulus über Franz von Assisi bis zu Mutter Teresa; sondern an die vielen einfachen Menschen, von denen niemand spricht.“
Erneuerung in Einheit
Benedikt streitet nicht ab, dass die Kirche Reformen brauche. Aber er setzt Prioritäten: „Die eigentliche Krise in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben.“ Das ist nicht einmal unmodern: „Form follows function“, ein Gestaltungsleitsatz aus Design und Architektur, ist auch im Organisationsmanagement anerkannt.
Die in den Medien als Reizwort kolportierte Forderung nach Romtreue formulierte der Papst tatsächlich etwas anders: In Bezug auf die Tageslesung (Phil 2,1-2) erinnert er an die gemeinsame Treue zu Christus. Zukunft der Kirche bestehe deshalb in einer gemeinsamen Erneuerung „in Treue zur jeweils spezifischen Berufung“ und in Einheit mit dem Bischof. An dritter Stelle verweist Benedikt darauf, dass nicht nationale Sonderwege, sondern gerade das Miteinander die Lösung sei: „Die Kirche in Deutschland wird für die weltweite katholische Gemeinschaft weiterhin ein Segen sein“, wenn sie in Treue mit der Weltkirche verbunden bleibt „und sich dabei auch von der Glaubensfreude junger Kirchen anstecken lässt“.
Den Glauben leben
In diesem Sinn auch die abschließende Bitte Benedikts: „Darum wollen wir uns mühen, dass wir Gott wieder zu Gesicht bekommen, dass wir selber Menschen werden, von denen ein Licht der Hoffnung in die Welt hereintritt, das Licht von Gott her ist und uns leben hilft.“