Kooperation ist wichtiger als Konkurrenz
Frithjof Bergmann im Gespräch mit Gerald Heschl über die „neue Arbeit“, Gemeinschaft und Individuum


Sie sind Vordenker im Bereich Arbeit. Nun haben wir im Westen ein faszinierendes Phänomen: Die einen werden krank, weil sie keine Arbeit haben, die anderen werden krank, weil sie zu viel arbeiten müssen. Wie kann man das erklären, und was kann man dagegen tun?
Bergmann: Mein allererstes Projekt hat 1982 in der legendären amerikanischen Automobilstadt Flint begonnen, als General Motors durch die Automatisierung Entlassungen in bislang ungeahntem Ausmaß durchführte. Wir haben damals genau das gesagt, was Sie gesagt haben: Die eine Hälfte der Menschen wird arbeitslos sein, die andere Hälfte wird Überstunden machen müssen. Und beide werden krank sein. Unser Vorschlag war ganz einfach: Sechs Monate Arbeit im Betrieb und dann sechs Monate lang das, was wir als „neue Arbeit“ bezeichnet haben. Denn alle haben gesehen, dass die alte Arbeit nicht reichen würde.
Wie hat diese „neue Arbeit“ dann ausgesehen?
Bergmann: Ganz wichtig ist: Es geht nicht um irgendwelche Maßnahmen, wie Parks reinigen, Bänke streichen oder ähnliche Alibiaktionen. Im Grunde geht es um das, was die Bauern ja schon seit Jahrtausenden machen und gemacht haben. Sie haben sich den eigenen Käse gemacht, die Wurst und andere Lebensmittel. Aber der Unterschied zu damals ist, dass wir extrem fortschrittliche Technologie angewandt haben. Wir legten Treibhäuser an und Gärten, Fischteiche usw. Inzwischen sind wir von Flint nach Detroit weiter gewandert.
Diese Gärten von Detroit sind ja inzwischen berühmt geworden. Ein halbes Jahr Gärtnern klingt fast schon wieder romantisch.
Bergmann: Es geht nicht um die Gärten. Unser Ansatz ist ein anderer: Müssen wir alles konsumieren? Dass man die Nahrung selbst produzieren kann, haben wir mit diesen Gärten gezeigt. Aber unser Konzept reicht darüber hinaus: Mit raffinierten Maschinen, den sogenannten Fabrikatoren, kann man heute schon fast alles, was man täglich braucht, selbst herstellen.
Also die totale Autarkie?
Bergmann: Ein Einzelner alleine kann das niemals herstellen. Wir raten davon ab, alles alleine zu tun. Es geht um die Gemeinschaft. Der zentrale Punkt ist, selbst, einfach, aber trotzdem klug Dinge zu entwickeln, die die Lebenskosten der Menschen auf alle erdenkliche Art und Weise senken. So arbeiten wir inzwischen an neuen Arten von Fernsehapparaten, von Telefonen oder von breiten Möglichkeiten, Elektrizität zu erzeugen.
Also eine Gegenbewegung zur konsumorientierten Gesellschaft?
Bergmann: Genau, es geht um eine grundsätzlich andere Ökonomie, eine Wirtschaft, in der Menschen nicht kaufen, in der sie nicht von großen Konzernen abhängen, sondern Teil einer Gemeinschaft sind.
Führt das „neue Arbeiten“ somit zu einer neuen Gesellschaftsform, die das Kollektiv stärker betont?
Bergmann: Nicht ganz. Unser Konzept der „neuen Arbeit“ hat zwei Teile. Der eine ist gemeinschaftsorientiert. Der andere ist individualistisch, was aber nicht mit egoistisch verwechselt werden darf.
Die heutige Gesellschaft ist Ihnen also zu egoistisch? Baut aber nicht das gesamte Wirtschaftssystem darauf auf?
Bergmann: So ist es, aber wir brauchen ein ganz anderes Menschenbild. Das alte Menschenbild des 18. Jahrhunderts beruht auf dem Dogma des Egoismus, wonach wir wie kleine Raubtiere agieren. Aber es gibt schon genug Forschungsergebnisse, die beweisen, dass die Menschheit ohne Kooperation längst ausgestorben wäre. Also: Kooperation ist zur Erhaltung des Lebens viel wichtiger als Konkurrenz.
Aber diese Erkenntnis hat sich noch nicht wirklich durchgesetzt. Was wären die Konsequenzen?
Bergmann: Es stimmt, die meisten sind noch im alten Denken verhaftet. Wir haben im Zuge unserer Arbeit erkannt, dass die meisten Menschen nicht wissen, was sie wirklich auf dieser Erde wollen. Sie brauchen Begleitung, Unterstützung und Ermutigung, um in einem oft schwierigen Prozess die Entdeckung zu machen, was sie eigentlich vom Leben wollen. Das kann man nicht alleine herausfinden, und einfach ist es schon gar nicht. Wir haben daher Menschen ausgebildet, die als Begleiter aktiv sind. Das ist inzwischen schon eine richtige Bewegung geworden.
Schwebt Ihnen eine Art soziale Revolution vor?
Bergmann: Nein, bitte nicht! Ich glaube nicht an Revolutionen. Das würde nichts Positives bewirken, sondern nur zum Blutvergießen führen. Nein, es geht um eine neue Art des Wirtschaftens. Das muss sich entwickeln. Wie in einer Spirale, die nach oben geht, muss dieses neue System aufsteigen. Es geht nicht nur darum, diese schrecklichen monströsen Entwicklungen von uns fernzuhalten, zu verlangsamen oder zu dämpfen, sondern tatsächlich eine Alternative zu entwickeln.
Könnte die momentane Krise eine Chance sein?
Bergmann: Ja. Ich bin an sich ein sehr pragmatischer und realistischer Mensch und denke, innerhalb der nächsten Monate oder im nächsten Jahr besteht eine große Chance für Veränderungen. Immer mehr Menschen sind ratlos. Aber die Voraussetzung ist, dass wir unsere Alternative sichtbar machen.
Und die Alternative wäre eine bessere, tragfähige Gemeinschaft?
Bergmann: Eigentlich fehlt uns zweierlei: zum einen, diese vorhin angesprochene Gemeinschaft zu bilden. Zum anderen fehlt aber auch die Unterstützung zum „Individuum-Werden“. Ich meine das aber bitte nicht esoterisch. Heute fehlt uns eine Institution, die dem Menschen hilft, herauszubekommen, was ihm wirklich fehlt und das dann zu ändern. Einfach den Menschen zu zeigen, was sie wirklich wollen und sie auf diesem Weg zu begleiten. Leicht
ist das nicht.
Eigentlich wäre das die Kernkompetenz der Kirche.
Bergmann: Natürlich. So ist es.