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Kärntner Kirchenzeitung - „Sonntag”

Integration beginnt mit der Sprache

Schüler unterrichten

Schüler und Schülerinnen des Bundesgymnasiums Porcia in Spittal an der Drau haben ein bemerkenswertes Schulprojekt auf die Beine gestellt. Sie unterrichten Asylwerber. Einmal in der Woche treffen sie sich zum Deutschkurs. von Ingeborg Jakl

Lernen macht Freude. Helmut Mailänder mit seinen Schülerinnen und den Lehrenden. (© Foto: I. Jakl)
Lernen macht Freude. Helmut Mailänder mit seinen Schülerinnen und den Lehrenden. (© Foto: I. Jakl)

„Kugelschreiber“ – schwungvoll nimmt Farid die Kreide in die Hand und schreibt das Wort, das er zuvor perfekt buchstabiert hat, ohne zu zögern an die Tafel. Neben ihm steht Lea Dörner, 15 Jahre jung und Schülerin des BG Porcia in Spittal/Drau, und achtet auf die richtige Schreibweise. Es ist Donnerstagnachmittag. Deutsch für Asylwerber steht auf dem Unterrichtsplan.
Seit dem Frühjahr unterrichten hier an der Schule Gymnasiasten und ihre Lehrer gemeinsam Asylwerber. In vier Klassen sitzen jeweils zehn bis 15 Frauen und Männer aus aller Welt, um Deutsch zu lernen. Sie werden jeweils von einer Lehrperson und zwei Assistenten, sprich Schülern, betreut.


Schicksal geht unter die Haut
Es sind oft persönliche Erlebnisse, die den Anstoß geben, sich ehrenamtlich zu engagieren. Bei den Schülerinnen und Schülern der 5 A war es die Begegnung mit einem jungen Mann aus Afghanistan. Kurz vor Weihnachten war er gemeinsam mit Claudia Muri vom Kärntner Caritasverband zu Gast im Religionsunterricht, den Helmut Mailänder erteilt. Das Schicksal des jungen Mannes, seine abenteuerliche Flucht und seinen Willen, hier in Kärnten ein neues Leben zu beginnen, ging den Jugendlichen regelrecht unter die Haut. Sie überlegten gemeinsam mit Mailänder, was sie dazu beitragen könnten, um Asylwerbern das Einleben in Österreich zu erleichtern.


Schnell war die Idee auf dem Tisch, hier an der Schule einen intensiven Deutschkurs anzubieten. Mailänder konnte auch Kollegen und Schülerinnen und Schüler aus den Nachbarklassen für dieses Projekt begeistern. „Wir wollen mithelfen“, sagt Eva Somitsch. Genauso sieht es auch David Hötzer, der einen Nachmittag in der Woche mit wachsender Begeisterung „seinen Schülern“ die deutsche Grammatik erklärt.
Und last, but not least: Der Kärntner Caritasverband, der seit Längerem Deutschunterricht für Anfänger und Fortgeschrittene in Klagenfurt anbietet, erklärte sich sofort bereit, die Fahrtkosten der Asylwerber zu tragen. So können die Leute mit dem Bus aus Radenthein oder der Bahn aus Villach nach Spittal kommen, um am Unterricht teilzunehmen. „Deutschkenntnisse erleichtern die Kommunikation, insbesondere auch mit Behörden, Ärzten oder der Asylberatung“, sagt Helmut Mailänder. „Deshalb wollten wir hier eine nachhaltige Hilfestellung geben.“ Auch, schränkt er ein, bei einer Nicht-Anerkennung und Rückkehr in das Heimatland seien Deutschkenntnisse ein Gewinn, denn sie verbessern die beruflichen Perspektiven der Betroffenen.


Sprache büffeln
Farid, der aus Afghanistan stammt,  spricht nicht gerne über seine Flucht. „Manche Geschichten kann ich nicht erzählen“, sagt er (noch) in gebrochenem Deutsch. Wegen der Angst, sagt er. Vor allem auch wegen seines laufenden Asylverfahrens. Der 22-Jährige ist in Kabul geboren und aufgewachsen. In den letzten Jahren war er als Dolmetscher für Englisch bei der internationalen Schutztruppe tätig. Als die begann, sich zurückzuziehen, verlor er seinen Job und stand quasi zwischen den Fronten. Im blieb, wollte er am Leben bleiben, nur noch die Flucht.
Zweieinhalb Monate war Farid unterwegs. Mit dem Bus, per Schiff und zu Fuß wird er über die Türkei nach Griechenland geschleust und landet schließlich in Österreich. Heute lebt er in Radenthein, in einem Asylantenheim.


In einem Brief von der Caritas erfuhr Farid von dem Deutschkurs am BG Porcia. Für ihn war sofort klar, er wollte nicht nur herumsitzen und sein Verfahren abwarten. Einmal in der Woche besucht er nun regelmäßig den Deutschunterricht. Daneben besorgt er sich Bücher, büffelt Vokabeln und Grammatik. „Einige Stunden am Tag“, erzählt er und zeigt auf die Schulbücher, die er sorgfältig verpackt zum Unterricht mitbringt. Mit seinem Lerneifer steckt er die Kollegen aus dem Iran und aus Pakistan an.
Hoffnung auf ein besseres Leben


Mit seinen gewonnenen Deutschkenntnissen wächst auch sein Selbstvertrauen. Er will am liebsten auf eine weiterführende  Schule, stellt Fragen und bleibt hartnäckig. So viel Lernwillen freut auch seine Lehrerinnen und Lehrer. „Die Fortschritte sind erstaunlich. Man merkt, wie wichtig für die Menschen der Deutschunterricht ist“, sagt Eva Somitsch. Selbst in der Pause wird eifrig weiter gelernt. Denn der Deutschunterricht gibt Hoffnung. Hoffnung auch auf ein besseres, vor allem friedvolleres Leben.
„Sprachintegration ist der Grundbaustein, anschließend muss die berufliche und die gesellschaftliche Integration erfolgen“, resümiert Religionslehrer Mailänder. Die Direktion stellt die Unterrichtsräume bereit, aus dem Lehrerkollegium hat er die Unterstützung von Karin Mühlbacher, Astrid Koschitz, Barbara Painsi, Manuela Kapeller und Karl Heinz Buchacher. „In meinem Kurs sprechen wir über alle Dinge, welche die Leute bewegen“, sagt Mailänder, „es geht um alltägliche Sachen, damit sich die Menschen hier besser zurecht finden.“ Der Deutschkurs wird kontinuierlich angeboten, das heißt es können jederzeit neue Teilnehmer hinzukommen. Das ist auch notwendig, weil einige im Laufe der Zeit wieder gehen – entweder wegen der Bewilligung ihres Asylantrages oder aus anderen persönlichen Gründen.