Gott wieder finden: Wege der Hoffnung in Trauer, Leid und Not
Johannes Staudacher im Sonntagsgespräch über Erschütterung und Erneuerung des Glaubens
Hadern mit Gott im Angesicht eigener Ohnmacht: von der Würde Leidender und dem Gott des Lebens, der uns gerade im Dunkel besonders nahe ist

Gott wieder finden ... Was bedeutet dieser Titel Ihrer Einkehrtage?
Staudacher: Die Tage richten sich an Menschen, die Gott suchen. Besonders aber an jene, die Gott vielleicht einmal lieben konnten, deren Gottesbezug jedoch durch persönliche Lebenserfahrungen, durch schmerzliche Einschnitte erschüttert worden ist. Sie richten sich an Menschen, die in Glaube und kirchlichem Beten gut beheimatet waren, nach Leiderfahrung aber sagen: Ich kann mit Gott überhaupt nicht mehr reden. – Die Erschütterung des Glaubens durch Leid und Verlust hat eine eigene Tiefe und Bedrohlichkeit.
Wie zeigt sich das?
Staudacher: So, dass auch die Formen des Glaubens ihre hilfreiche Kraft verloren haben. Menschen, die den Rosenkranz geliebt haben, können gerade das im Moment nicht. Es hat keine Stimmigkeit. Die gewohnte Gebetssprache kommt nicht über die Lippen. Was kommt, sind Fragen, Zweifel. Aber es erweist sich eben als ganz wichtig, das Hadern nicht abzuwerten oder negativ zu bewerten, sondern gerade darin den Weg zu sehen. Wer mit Gott streitet, der ist immer noch Gott zugewendet.
Da taucht auch die Frage auf: Wie kann Gott das zulassen?
Staudacher: Diese Frage treibt die Menschen um. Es gibt auf der einen Seite manche, die sie recht rasch hinlegen können, andere werden lange davon bewegt. Das ist eine Frage ohne Antwort. Aber wer sie durchträgt, wer mit der Frage Gott entgegengeht, der kommt, so merkwürdig das jetzt klingt, Gott näher.
Wer geht diesen Weg mit?
Staudacher: In unsere Erlebnisgesellschaft passt der getragene Schmerz einfach nicht hinein. So gibt es vom gesellschaftlichen Rahmen her oft wenig Unterstützung. Aber es ist doch bewegend zu hören, dass viele Betroffene gerade in ihrer Situation den einen oder anderen Freund finden: jemand, der sie versteht und an ihrer Seite bleibt. Von diesen Freundschaften leben sie dann oft.
Wahrscheinlich jemand, der schon Ähnliches erlebt hat und deshalb versteht?
Staudacher: Ja, aber auch Menschen, die aus irgendeinem Grund ein Gespür haben für die Schattenseiten des Lebens. Die Macher und die Siegreichen gehören da einfach nicht dazu. Aber es gibt ein Netz von Menschen, die diese Dinge sehen und tragen und die einander auch stützen können.
Sollte die Kirche hier noch aktiver werden?
Staudacher: Die Kirche hat mit ihrem Blick auf’s Kreuz etwas getan, was manchmal aus unserer heutigen Sicht übertriebene Kreuzesfrömmigkeit gewesen zu sein scheint – war es wohl auch –, aber auf der anderen Seite hat sie mit dem Blick auf Kreuz und Kreuztragen Menschen eine Würde gegeben, die sonst keine hätten: dass nämlich der, der ein Kreuz trägt, eine Würde hat.
Etwas ganz anderes kommt dazu: Eine Kirche, die an Bedeutung und Zahl verliert, steht vor einer Entscheidung: Will sie Macht und Zahl halten, oder nimmt sie diese Veränderung auch als Chance, auf der Seite der Minderheiten zu stehen? Die jetzige Situation bietet die Chance, dass sie sich zu den Schwachen stellt.
Die Erschütterung des Glaubens durch Leid und Verlust hat eine eigene Tiefe und Bedrohlichkeit.
Die Schwachen – ist das am Ende nicht sogar die Mehrheit?
Staudacher: Wenn man allein die Schere nimmt zwischen der geringen Zahl der Begüterten und der immer größeren Zahl derer, die am Rand stehen – ja, über kurz oder lang ist der, der bei den Schwachen steht, bei der Mehrheit.
Was wäre ein erster Schritt in diese Richtung?
Staudacher: Als ich mit Pfarrhaushälterinnen – die ja sehr tief im Kirchlichen stehen – etwas zum Thema „Gott wieder finden“ gemacht habe, haben diese von sich aus zwei Dinge eingebracht: Es geht nicht darum, wie wir den anderen Gott wieder bringen können, sondern darum, wie wir selber Gott wieder finden! Und, damit verbunden, das Gespür, dass wir den Gott Jesu wieder finden: Den Gott derer, die nicht oben, sondern die unten sind. – Für mich war das eine ganz starke Bestätigung.
Was bedeutet: den Gott Jesu wieder finden?
Staudacher: Ein schönes Beispiel ist für mich der alt gewordene Zacharias. Er hat eigentlich in dieser langen Zeit des Wartens Gott verloren. Er lebt in der Tradition, aber er kann nicht mehr glauben, dass Gott noch ein Wunder tut, und daher kann er, als der Engel ihm das Kind Johannes ankündigt, nur hoffnungslos fragen. Sein Glaube ist ganz in die Vergangenheit gewendet, ist ganz Tradition geworden, ist nicht mehr der vertrauende Blick auf den lebendigen Gott. Er wird dann stumm. Ich denke, das hat auch etwas mit der Gegenwart zu tun. Ich habe Sorge, dass eine Kirche, die zu sehr auf die Tradition achtet, den Gott, der sich uns heute neu zeigen will, nicht sehen kann. Und stumm wird.
Glauben angesichts aller Not?
Staudacher: Da ist die Frohe Botschaft Jesu: „Ich bin in eurer Mitte wie jemand, der dient.“ Oder: „Jesus war von Mitgefühl ergriffen.“ Theologisch gesprochen: Gott ist nicht der unbewegte Weltenlenker. Dieses Bild zerbricht im Schicksalsleid, diesen Gott kann ich nie mehr lieben. Dafür können wir Gott neu finden in Jesus, der an unserer Seite ist. Als Elija seinen Gott verloren hatte und nicht mehr leben wollte, wo er vor allem enttäuscht war von sich selber, dort zeigte Gott, dass er nicht im Sturm ist, nicht im Feuer, nicht im Erdbeben, sondern im leisen Säuseln des Windes. Und Elija, der Mensch, der den Mantel ablegt, der sich traut, sich so zu zeigen, wie er ist, wird vom leisen Säuseln des Windes eingehüllt. Er wird vom Macher zum Hörenden.
Wo sehen Sie Vorbilder?
Staudacher: Mutter Teresa hat gesagt: Die Armen werden uns retten. Wenn wir uns heute über die Rettung der europäischen Kirche, über ihre Zukunft, Gedanken machen, könnten wir uns das einmal von Mutter Teresa sagen lassen und schauen: Was heißt denn das? Haben wir im Evangelium Jesu überhaupt einen anderen Weg, uns selber zu finden, als Jesus in den Armen zu finden? Das hat ja auch etwas mit „Gott wieder finden“ zu tun. Sie hat es im eigenen Leben so erlebt. Sie war lange als Lehrerin für Töchter hochbemittelter Familien zuständig und hat dann in der Zuwendung zu den Armen für sich selber bemerkt: Jetzt finde ich Gott. Deshalb ist dieser Ausdruck „Jesus in den Armen finden“ kein frommer Spruch, das ist eine sehr präzise Realität.
Nur in den Armen?
Staudacher: Ich möchte das andere, nämlich Gott finden im Glück, nicht abwerten. Es gibt zwei Wege, Gott zu finden: Der eine ist die Not, der andere das Glück. Ich erlebe zum Beispiel bei Eltern nach der Geburt ihres Kindes, oft bei Vätern, dass sie da überwältigt sind vom Geheimnis und vom Geschenk des Lebens. Aber die Echtheit dieses Glücks wird sich immer daran erweisen, ob Beschenkte sich auch um die Not kümmern, die rund um sie da ist. Der Glaube besitzt seine Schönheit. Aber Schönheit ohne Liebe ist leer.
Zur Person:
Johannes Staudacher, geboren 1954 im Gailtal, ist Seelsorger mit Schwerpunkt Trauerbegleitung in der Diözese Gurk und Pfarrer von Klein St. Veit.
Gott wieder finden ... Tage der Einkehr und Erholung mit Pfarrer Johannes Staudacher.
- Sonntag, 17.03.2013, 18 Uhr, bis 20.03.2013, 13 Uhr, Kloster Wernberg
- Sonntag, 17.02.2013, 18 Uhr, bis Mittwoch, 20.02.2013 13 Uhr, Katholisches Bildungshaus Sodalitas/Tainach
Buchtipp: „Ich werde dort sein, wo du bist“ – ein Leitfaden für Trauernde und Tröstende. Styria (2. Auflage), € 19,90