Die Sehnsucht, etwas von Gott zu hören, ist sehr groß
Gerald Heschl im Gespräch mit Erhard Busek

Der Graben zwischen Bürgern und Regierenden wird immer größer. Sie selbst haben kürzlich mit mehreren Altpolitikern ein „Demokratiebegehren“ präsentiert. Die Bevölkerung will sich mit dem Stillstand in der Politik nicht mehr abfinden. Ist das eine neue Chance für die Demokratie?
Busek: Das wird davon abhängen, wie sich diese Bewegungen entwickeln. Der Grund, warum wir Altpolitiker uns engagieren, liegt in der Sorge, dass wir einen Abgesang der Demokratie erleben. Deshalb setzen wir sozusagen systemerhaltend an. Ein Punkt ist das Wahlrecht. Die Bürger sollen die Chance haben, sich die Politiker auszusuchen, damit in der Politik mehr Qualität entsteht. Daher unterstützen wir vor allem die direkte Demokratie.
Sie sehen die Demokratie in Gefahr?
Busek: Ich mache mir Sorgen, dass die gegenwärtig handelnden Politiker die Situation nicht begreifen.
Ist die Politik abgehoben?
Busek: Das ist sicher nicht das einzige Problem. Da spielt vieles eine Rolle: einmal die mangelnde Qualität der Politiker. Zum Zweiten die riesigen Kabinette, die jeder um sich versammelt. Diese erklären den Politikern nur, wie großartig sie sind. Da gibt es also einen Wirklichkeitsverlust. Und Grund Nummer drei ist die Art, wie sich Politik heute abspielt. Es gibt einfach zu wenig Gelegenheiten des Meinungsaustausches. Die Rolle des Politikers hat sich darauf reduziert, dass er Interventionen bekommt. Das war es dann auch schon.
Sie bemängeln die Qualität der Politiker. Wer macht in Österreich Politik?
Busek: Die Meinungsforschung und die Medien. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Bundesregierung in der Früh die Kronenzeitung liest und dann weiß, was sie den ganzen Tag zu tun hat. Tut mir leid, dieser Eindruck entsteht.
Umso tragischer angesichts einer weltweiten Krise ...
Busek: Das wird Sie vielleicht verwundern, aber ich bin ein Anhänger von Krisen. Und zwar deswegen, weil Krise von seinem griechischen Ursprung her „urteilen, entscheiden“ heißt. In einer Krise muss man sich also entscheiden.
Könnte die derzeitige Krise der EU eine Chance sein, dass die ursprüngliche Idee Europas eine zweite Chance erhält?
Busek: Ja. Es kommt nämlich bei der Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Eurokrise heraus, was es alles an Einrichtungen des gemeinsamen Europas nicht gibt. Da haben Sie die Spannung, dass seit dem Verfassungskonvent ein stärkerer nationaler Egoismus entstanden ist. Die Folge der Krise muss aber sein, dass es mehr Gemeinsamkeit braucht.
Sie sind für mehr Europa, in vielen Staatskanzleien will man eher weniger von der EU wissen.
Busek: Ja, alle Regierungsmitglieder fahren nach Brüssel, fassen dort einstimmige Beschlüsse, kommen zurück und schimpfen, was in Brüssel für Blödsinn beschlossen wurde. Damit können sie ja eigentlich nur sich selber meinen. Und die Auswahlmechanismen für die Positionen in der EU sind undemokratisch. Da gehen ein paar hinter die Büsche und machen sich etwas aus. Wen man zu Hause nicht brauchen kann, den schickt man dann dorthin. Das gilt nicht nur für Österreich. Ich würde das auch für EU-Außenministerin Ashton bis hin zu Barroso so sehen. Da ist nicht die höchste Qualität. Die werden ja ausgesucht, damit sie den nationalen Regierungen nichts dreinreden. Je schwächer, desto besser. Wir schädigen uns aber selbst dabei.
Sie sind in einer Initiative, die sich „Soul for Europe“, also „Seele für Europa“, nennt. Derzeit wirkt Europa seelenlos ...
Busek: Ja, leider, aber wir haben überhaupt keine Alternative. Entweder es gelingt Europa, seine eigenen Inhalte erkennen zu lassen, oder es zerfällt. Dann werden die Engländer der 51. Bundesstaat der Amerikaner, die Franzosen machen etwas mit den Marokkanern und Algeriern, und wir fragen die Ungarn, ob wir nicht wieder so etwas wie ein neues Österreich-Ungarn machen.
Wächst damit die Gefahr der Nationalismen – siehe gerade Ungarn?
Busek: Ich halte das alles gar nicht für Nationalismus, sondern für puren Egoismus. Die historischen Fragen, mit denen keiner mehr etwas anfangen kann, werden hier nur benützt. Wenn ich mich nicht auskenne, dann sage ich auf gut Wienerisch: Jeder denkt an sich, nur ich denk an mich.
Frage an den engagierten Christen: Welche Bedeutung hat die Kirche für die „Seele Europas“?
Busek: Die Kirchen sollten eine viel größere Rolle spielen. Das Problem in Europa ist aber, dass die Kirchen im Moment viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind.
Das klingt wie ihre Politik-Analyse von vorhin.
Busek: Beide haben ein Inhaltsproblem. Die Botschaft der Kirche, was die Inhalte und die Ideen betrifft, ist derzeit sehr bescheiden. Und genauso bescheiden sind die Inhalte der Politik.
Dabei wären gerade in Zeiten wie diesen die Botschaften der Kirche gefragt!
Busek: Ich glaube auch, dass die Sehnsucht, etwas von Gott zu hören, sehr groß ist. Das ist natürlich eine Frage der Pastoral. Es wird die Frohe Botschaft viel zu wenig verbreitet.
Die Menschen suchen Werte.
Busek: Ich höre bei allen Diskussionen immer wieder: „Wir brauchen neue Wertvorstellungen!“ Dem halte ich entgegen: „Ich bin schon zufrieden mit den alten!“ Dann kommt unweigerlich die Frage: „Welche?“ „Die Zehn Gebote!“ Wenn Sie fragen, welche Gebote die Leute kennen, bleibt oft nicht viel mehr übrig als das sechste.
Es geht ja nicht nur um die Gebote, sondern auch um die Vermittlung der Frohen Botschaft.
Busek: Das Wesen der Frohen Botschaft ist, dass sie zu den Herzen gehen muss, sie muss die Menschen erreichen. Da stelle ich fest, dass in der Kirche die Fähigkeit verloren gegangen ist, jene Probleme zu berühren, die die Menschen wirklich betreffen. Das konnte die Kirche früher sehr gut. Ein Papst hat vom Aggiornamento gesprochen, also vom Ziel, die Kirche in das Heute zu bringen. Das hört man heute nicht mehr so stark. Ich will aber dafür gar nicht nur den Papst verantwortlich machen. Das gilt für alle, die im Lehramt tätig sind.
Sie waren lange in der Katholischen Aktion. Wie beurteilen Sie die Rolle der Kirche in Österreich?
Busek: Was die österreichische Kirche derzeit als Botschaft verbreitet, sind ihre internen Probleme. Ich verstehe die Nöte der Geistlichen, die sich rund um Helmut Schüller akzentuieren. Nur sind die Antworten darauf inadäquat. Entweder wird das Problem negiert, oder man redet sich alleine auf Rom aus. Das ist zu wenig. Ich komme sehr viel in Pfarrgemeinden, die sehr lebendig und motiviert sind. Die leben den nunmehr propagierten „Ungehorsam“ schon längst.