Organisation

Kärntner Kirchenzeitung - „Sonntag”

Bausteine für eine bessere Welt

Franz Küberl sprach in Tainach/Tinje über die soziale Wahrheit

„In der Wahrheit leben, denn sie ist uns zumutbar.“ Unter diesem Titel läuft in Tainach/Tinje eine Veranstaltungsreihe, in deren Rahmen Caritas-Präsident Franz Küberl soziale Wahrheiten benannte. von Gerald Heschl

Franz Küberl über Verursacher und Verlierer der Krise, über die “Ich-AG-Mentalität“ und darüber, dass sich alle als Opfer fühlen.
Franz Küberl über Verursacher und Verlierer der Krise, über die “Ich-AG-Mentalität“ und darüber, dass sich alle als Opfer fühlen.
Küberl verkündet unbequeme Wahrheiten (© Foto: Eggenberger)
Küberl verkündet unbequeme Wahrheiten (© Foto: Eggenberger)

Franz Küberl ist keiner, der sich mit Oberflächlichkeiten, mit raschen Antworten und einfachen Lösungen zufrieden gibt. Wenn er von sozialer Wahrheit spricht, von Armut und Solidarität, so sucht er nach den tieferen Ursachen und unterzieht unsere Gesellschaft einer Wurzelbehandlung, die manchmal auch weh tun kann. Drei Überlegungen stellt er an den Anfang: „Opfer sind wir alle“, „Armut ist nicht schön“ und „Nicht alle wollen sehen“.
Es gäbe eine breite Strömung, sich selbst als Opfer zu sehen. Entweder sind es gegenwärtige Umstände wie die Eltern, die Chefs, die Beamten, Politiker, Medien oder die Kirche, die am eigenen, vermeintlichen Elend die Schuld tragen. Oder es sind künftige Dinge wie Umweltverschmutzung, Rezession oder Energiemangel, die schon heute viele mental ins Elend stürzen.
Dass sich heute schon fast jeder als Opfer sieht, „macht blind für die echten Opfer unserer Gesellschaft, schwächt das solidarische Fühlen“, stellt Küberl fest. Und er spricht von einer „Ich-AG-Mentalität“, die dazu führt, dass „jene, die wirklich Opfer geworden sind, noch zusätzlich getreten werden“.
Dazu passend ortet der Caritas-Präsident einen „Trend zur Ästhetisierung der Lebenswelt“. Schönheitsoperationen boomen, die Werbung suggeriert ewiges Glück und Fitness bis ins höchste Alter. „Was diesem Gefühl nicht entspricht, wird als störend empfunden“, so Küberl und er fragt: „Ist das nicht der Grund, warum es immer mehr Bettlerverbote gibt?“ Man will alles, was störend und fremd wirkt, was dem ästhetischen Anspruch widerspricht, aus dem Ortsbild entfernen.
Denn, so der dritte Punkt: „Sehen wollen ist nicht die Sache aller.“ Am drastischen Beispiel einer Frau, die im Zug eine Herzattacke erlitt, und der lange niemand zu Hilfe kam, schildert Küberl die breite Tendenz, bei Not, Krankheit und Armut wegzuschauen. „Ist da jemand?“, sei weit mehr als die „Licht-ins-Dunkel“-Werbung; es sei die Fundamentalfrage in einer Zeit, „in der das Wegschauen, Drübersteigen und sich am Nächsten schamlos Bereichern zur Mode geworden ist“.
Nach dieser ernüchternden Ist-Analyse skizzierte Küberl in seinem Tainacher Vortrag einige „Bausteine für eine bessere Welt“ anhand vorherrschender Tendenzen, die ein Umdenken notwendig machen.
Markt ja – Kapitalismus nein
Am Beispiel des mittlerweile alles dominierenden Marktes, der „Wirtschaft zu einer Ersatzreligion gemacht hat“, sprach sich Küberl vehement gegen die neoliberalen Gesetze eines alles beherrschenden Kapitalismus aus. „Markt ja – Kapitalismus nein“, bringt er es auf den einfachen Nenner. Wobei er sich klar für die Marktwirtschaft, aber gegen den Finanzmarkt ausspricht, der die Welt so weit destabilisiert hat, dass sogar die Demokratie gefährdet ist. Lakonisch stellte er fest: „Die Verursacher fielen weich – auf jene, die das Debakel jetzt ausbaden müssen.“
Ergänzend dazu betrachtete Küberl den Arbeitsmarkt, wo neben Langzeitarbeitslosen immer mehr Working Poor und prekäre Arbeitssituationen in die Armutsspirale führen.
Hier sieht Küberl als Caritas-Vertreter auch ein strukturelles Problem: „Seit das Arbeitsmarktservice keinen sozialen Auftrag mehr hat, sondern sich nur noch um vermittelbare Personen kümmert, stehen alle anderen auf der Straße.“ Die Caritas und andere Organisationen könnten zwar helfen, aber der schleichende Rückzug der öffentlichen Hand aus der sozialen Verantwortung mache die Arbeit dieser Organisationen schwieriger.
Als einen Ausweg aus der Armutsspirale fordert Küberl: „Bildung für alle, damit alle einen Zugang zur Zukunft haben.“
Globalisierung der Gerechtigkeit
Als weiteren Punkt in seinem Programm für eine bessere Welt fordert Küberl eine „Globalisierung der Gerechtigkeit“. Am Beispiel des Kongo schilderte er, wie amerikanische, europäische und chinesische Bergbauunternehmen den Bauern die kargen Lebensgrundlagen brutal entreißen – „damit wir billigere Handys und PCs bekommen“. „Die Güter der Schöpfung sind für alle da“, betont Küberl.
„Wir können das Paradies nicht herbeiführen. Wenn wir aber diese christliche Vision nicht aus den Augen verlieren, genügen kleine Schritte, um eine bessere Welt zu gestalten“, stellte Küberl abschließend fest und plädierte dafür, dass jeder Einzelne seine Lebensweise genau überprüft und durch Engagement und Änderung des Lebensstils seinen Beitrag leistet.