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Kärntner Kirchenzeitung - „Sonntag”

Auf der Suche nach einem Weg in die Zukunft

Otto Betz über Glauben, der junge und alte Menschen vereinen kann.

Annibale Caracci: Der junge Tobias, erwachsen geworden, kehrt zu seinem Vater zurück und hilft ihm, das Augenlicht wieder zu finden. (© Foto: KNA/Privat)
Annibale Caracci: Der junge Tobias, erwachsen geworden, kehrt zu seinem Vater zurück und hilft ihm, das Augenlicht wieder zu finden. (© Foto: KNA/Privat)

Papst Benedikt sagte in Mariazell: Wo Christus ist, ist Zukunft. Ist die Frage unserer Generation nach Zukunft nicht im Grunde die Frage, wo Gott in unserem Leben ist?
Betz: Ja, wo Christus ist, ist Zukunft. Die Frage ist allerdings, ob es uns gelingt, ein lebendiges Bild von diesem die Zukunft öffnenden Christus zu vermitteln. Woran liegt es, dass sich Kinder und junge Leute anders orientieren? Hat unser religiöses Leben so wenig Überzeugungskraft?

Haben Eltern und Kinder überhaupt noch eine gemeinsame Sprache, in der sie sich über ihren Glauben austauschen können?
Betz: Eine gemeinsame Sprache haben heißt: aufeinander und bereit sein, voneinander zu lernen. Auch Kinder und vor allem die Jugendlichen haben „spirituelle Bedürfnisse“, ringen um eine Sinngebung ihres Lebens und wollen nicht in der Banalität einer verschlossenen Welt steckenbleiben. Wenn wir Älteren bereit sind, auf die Jüngeren zu hören und sie ernst zu nehmen, dann öffnen sie auch ihre Ohren für das, was uns wichtig ist. Das ist uns ja heute klar geworden: Nicht nur die junge Generation soll von der älteren lernen; die Alten haben ebenfalls Nachholbedarf, was das Lernen angeht: Die Jungen haben uns in manchen Dingen etwas voraus und können zu „Lehrmeistern“ werden.

Können Sie das an einem Beispiel veranschaulichen?
Betz: Vor allem könnte man sagen, dass sie ehrlicher und direkter sind und sich mit dem „Althergebrachten“ nicht schon deshalb abfinden, weil es eine lange Tradition hat. Die Musik spielt für die junge Generation eine große Rolle, und leider haben wir wenige überzeugende Beispiele für ein neues kirchliches Liedgut anzubieten. Was mich gerade bei kreativen Jugendlichen oft fasziniert, ist ihre Fähigkeit, neue Formen des Zusammenkommens zu improvisieren. Da entstehen manchmal quasi-liturgische Feiern mit neuen Texten, musikalischen Elementen und spielerischen Formen im Tanz und in der Pantomime.

Eine Art, Kirche zu erneuern?
Betz: Die frühe Kirche verstand sich in gewisser Weise als Erzählgemeinschaft. Das große Geschehen der Heilsgeschichte wurde erzählend in die Gegenwart geholt. Auch heute spielt das Erzählen eine wichtige Rolle: Was uns wichtig war, soll lebendige Erzählung werden, damit es weitergegeben werden kann. Diese Fähigkeit, Erfahrungen in eine Geschichte fließen zu lassen, muß unbedingt wieder gepflegt werden.Weil unsere neutestamentlichen Perikopen schon zu Tode gepredigt worden sind, sollten wir es einmal mit den alttestamentlichen Geschichten versuchen.


Ist das Alte Testament dem heutigen Erleben nicht noch fremder?Betz: Haben Sie schon einmal eine Predigt über das wunderbare Buch „Tobit“ gehört, in dem es um den Reifungsprozess eines jungen Menschen geht, um Krise und Bewährung? Warum werden die Rettungsgeschichten (Judith, Esther usw.) so seltsam ausgespart? Ist die alttestamentliche Josephsgeschichte nicht ein wunderbarer Roman über die Identitätsfindung eines Menschen? Geben wir es zu: Unser Glaube ist manchmal ein Bündel von Formeln geworden, von festgefügten Sätzen, die eine Neigung zum Erstarren haben. Wir sollen aber kein System weitergeben, schon gar kein Denkkorsett, sondern sollen auf einen Weg geleiten.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Glaube gerade im deutschen Sprachraum sehr kopflastig ist und wenig mir dem Leben zu tun hat.
Betz: Wir leben in einer spannungsreichen Welt, wir sind Leibwesen und haben hungrige Sinne. Wenn unser Glaube welthaft ist, verleiblicht und sinnenhaft, dann bekommt er auch wieder eine innere Glaubwürdigkeit. Unser Glaube muss ein fragender bleiben, einer, der noch nicht alles weiß, sondern auch die Brüchigkeit der eigenen Überzeugungen zugeben muss. Ein gesunder Zweifel, eine kritische Fragehaltung, ist unserem Glauben immer beigemengt.

Wie können wir einen solchen Glauben in Worte fassen?
Betz: Denken wir daran, dass unsere Kinder in dieses komplizierte Weltbild hineinwachsen, dass sie damit so vertraut werden als wäre es selbstverständlich; dann wirkt die herkömmliche Sprache der Verkündigung, die Sprache unserer Gebete und Lieder wie ein Rückfall in mythische Vorstellungen. Und eine neue Sprache haben wir noch nicht, sie lässt sich ja auch nicht am grünen Tisch herstellen.

Mit der Folge, dass vom Glauben keine Hilfe für die Herausforderungen modernen Lebens erwartet wird.
Betz: Auch wenn es gar nicht so einfach ist, die Frage zu beantworten, wie wir heute von Gott sprechen können, wie wir von „Schöpfung“ reden, was für uns „Erlösung“ ist, was „Gnade“ bedeuten kann, all das muss uns als Aufgabe beschäftigen. Auch die moderne Naturwissenschaft bietet uns wunderbare Ansätze zu einem neuen Denken und zu einer neuen Sprache zu kommen. Gerade bedeutende Forscher sprechen oft von ihrem Staunen über die Geheimnisse der Schöpfung, sie werden überwältigt von einer geheimnisvollen Ordnung, die sie vorfinden, sie sind von Dankbarkeit erfüllt über die verborgenen Strukturen des Seins und sind verblüfft über die Schönheit, die wir an allen Ecken und Enden feststellen. Ich war verblüfft, als ich neulich einen Naturwissenschaftler vom „Heiligen“ sprechen hörte.

Welche guten Erfahrungen haben Sie, in der Familie den Glauben zu pflegen?
Betz: Wenn in einer Familie das gemeinsame Gespräch gepflegt wird, wenn es noch eine gemeinsame Lektüre gibt, wenn man viel zusammen unternimmt, Wanderungen und Reisen, wenn auch aufkommende Probleme beim Namen genannt werden dürfen, dann entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen den Generationen, das auch Krisen übersteht. Mein Lehrer Theoderich Kampmann sprach gerne davon, dass die Märchen „der natürliche Vorhof des Evangeliums“ seien.

Es ist in der heutigen Welt nicht einfach, gemeinsame Zeiten zu finden.
Betz: Um so wichtiger ist es, dass wir noch manches gemeinsam entdecken und uns nicht so auseinanderdividieren, als lebten wir in verschiedenen Welten.Kirche ist eine Gemeinschaft des Weges, Kirche ist auch eine Gemeinschaft des Fragens und des Suchens.

Entdecken Sie noch die Sehnsucht nach einer solchen Kirche?
Betz: Wenn in der Kirche ein Gefühl der Verbundenheit aufkommen kann, wenn man spürt, von anderen verstanden zu werden, sich auf andere verlassen zu können, dann kann das ein Glücksgefühl auslösen: Es entsteht ein heimatlicher Raum, der birgt und die Entfaltung des Lebens ermöglicht. Kirche ist nicht für sich selbst da, die Verantwortung für andere gehört zu den Kernaufgaben der christlichen Gemeinde. Wir dürfen nicht im eigenen Safte schmoren, sondern müssen dorthin schauen, wo wir gebraucht werden. Dann kann Glaube konkret werden: für andere da sein, nicht mehr nur das eigene Ich umkreisen oder die kleinen Mängel bejammern.

Interview: Georg Haab

 

Zur Person:

Otto Betz, geb. 1927, emeritierter Erziehungswissenschaftler und Religionspädagoge der Universität Hamburg, ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher und Anthologien zu Themen der Spiritualität, Literatur, Anthropologie und Religionspädagogik, war kürzlich im Bildungshaus St. Georgen zu Gast.