Philo-Café
Zwischen Müdigkeit und Möglichkeit: Europa aufgeben - Europa als Aufgabe?
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Zwischen Müdigkeit und Möglichkeit: Europa aufgeben – Europa als Aufgabe?
„So sieht also Weltgeschichte in der Nähe aus; man sieht nichts“, schreibt Robert Musil 1922 in seinem Essay Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste. Sind wir hundert Jahre später am Ende dieser Reise angelangt – oder immer noch im Anfangen begriffen? Die Situationen gleichen sich in ihrer Unübersichtlichkeit: Damals wie heute wirkt Europa wie ein erschöpfter Kontinent – politisch zersplittert, sicherheitspolitisch abhängig, kulturell verunsichert. Philosophisch lässt das auf ein tieferliegendes Muster schließen, dem wir im Philo-Café des Sommersemesters 2026 nachspüren wollen.
Auch Musils Zeitgenosse Edmund Husserl zeichnet Europa in den 1930er Jahren als einen Raum, der zugleich Krise und Chance bedeutet, weil er auf eine geistige „Stiftung“ zurückgehe, die ständige Erneuerung verlange. Die Anstrengung, die damit einhergeht, findet ihren Ausdruck noch 50 Jahre später in Hans Magnus Enzensbergers Stoßseufzer „Ach Europa!“, in den wieder 20 Jahre darauf Jürgen Habermas (zwar ohne Rufzeichen, dafür aber mit Beistrich) einstimmt. Wenn die wahre Herausforderung Europa in seiner gelebten Vielheit besteht, wie ist mit dieser umzugehen? Der mit Husserl aufgerufenen Linie, die die Antwort in einer Besinnung auf die philosophische Grundidee Europas namens Humanität sucht, steht historisch wie realpolitisch die Vision des russischstämmigen französischen Philosophen Alexandre Kojève von einem Europa als administrativer Wirtschaftsverbund entgegen. Läuft die Gretchenfrage Europas also recht lapidar auf die Alternative „verwalten oder gestalten“ hinaus?