Begräbniskultur

Begräbnisse sind letztlich doch ein Ausdruck der Liebe

Die Wissenschaft hat für das Auftreten des Menschen in der Erdgeschichte als ein entscheidendes Zeichen die Begräbniskultur gewählt. Dort, wo deutlich ist, dass tote Leiber bestattet und nicht einfach verscharrt wurden – dort nimmt man an: es handelt sich um Wesen, die sich über Leben und Sterben Gedanken gemacht haben. Es handelt sich: um Menschen.

 (© Foto: foto: gotthardt, nedelja)
(© gotthardt, nedelja)

Die Aufklärungszeit hat über alles andere die Vernunft und die Vernünftigkeit gestellt. Kaiser Josef II. hat deshalb per Gesetz allen Pomp bei Begräbnissen untersagt und statt eines kostenaufwendigen Sarges einen Leihsarg vorgeschrieben. Der Widerstand der Bevölkerung hat ihn gezwungen, dieses Gesetz nach wenigen Monaten zurückzunehmen: die Menschen wollten nicht „vernünftig und sparsam“ Abschied nehmen . Begräbnisse sind letztlich doch ein Ausdruck der Liebe. Sie entsprechen der Würde des Verstorbenen: er war ein Mensch. Und sie zeigen, dass die Gemeinschaft der Lebenden „Kultur“ hat.

Vor dem Begräbnis
„Den Verstorbenen noch einmal sehen“, „sich verabschieden können“ – es kommt langsam wieder ins Bewusstsein der Menschen, wie wichtig diese Dinge sind. Und was vor einigen Jahren noch häufig gemieden wurde, bekommt wieder einen Platz im Leben.

Begräbnisse
... sind ein wichtiger Teil des gemeinsamen Lebens. Hier begleiten wir – Schritt für Schritt – den toten Leib bis hin zur Erde. Hier beginnen wir, den Verlust in unser eigenes Leben einzuordnen. Mit dem Fallen der Erde auf den Sarg beginnen wir auch, die Wirklichkeit des Todes zu realisieren. Das ist dann eine Basis, auch selber wieder ins reale Leben zurückzukehren. Ohne Begräbnisse und ohne diese Zeichen fehlt den Zurückbleibenden sehr oft Wichtiges. Auch Kinder brauchen ihre Möglichkeit des Abschiednehmens.
Begräbnisse mitfeiern, das sollte wieder Teil unseres Lebens werden. Manches über unser eigenes Menschsein und über unser Leben werden wir nicht lernen, wenn wir das Vergehen der Jahre, das Vergehen von Jugend und Kraft nicht wahrnehmen und annehmen ...

Urnenbeisetzung
Einäscherung und Urnenbeisetzung – wird zur sehr häufigen Form des Begräbnisses. Hat viele gute Gründe. Aber der Weg vom Kranksein über das Sterben bis zum Ankommen in Staub und Asche ist hier oft nicht mitvollziehbar. Die Erfahrung zeigt aber: es ist für Menschen gut, wenn sie diesen Weg Schritt für Schritt miterleben können. Die Krematorien beginnen bereits, hier den Menschen das dabei Sein mehr zu ermöglichen ...

Zwischen persönlicher Gestaltung und gültigen Zeichen
Es ist in vielen Fällen ein Geschenk an Trauernde, wenn sie auf persönliche Weise den Abschied gestalten können. Wenn damit die Persönlichkeit des Verstorbenen noch einmal spürbar wird – und wenn sie so ihrer eigenen Beziehung und Trauer Ausdruck geben können.
Zugleich zeigt die Erfahrung aber: es ist auch wichtig, dass manche gewohnte Zeichen und Rituale stattfinden. Hier findet die sprachlose Trauer eine Sprache; hier müssen Menschen nicht verstummen, sie können an gewohnte Worte und Zeichen anknüpfen und so ihrer Liebe Ausdruck geben.

„In aller Stille...“
Unsere individualistische Zeit spürt es nicht so unmittelbar. Aber die Seele spürt es: es tut gut, wenn viele den Tod eines lieben Menschen wahrnehmen und den letzten Weg mitgehen. In der Not der Trauer ist dann das Grundgefühl da: ich gehöre zu einer großen Gemeinschaft. Das trägt. Es trägt wesentlich mehr als das Privatsein in diesem Moment.
„In aller Stille“ – kann sehr persönlich sein. Aber hier wird oft auch verzichtet auf die großen Zusammenhänge des Lebens und es ergibt sich für einzelne und die Gemeinschaft eher ein Verlust.

Der gut gestaltete Abschied
... ist ein wichtiger Teil der persönlichen Trauer. Wenn hier dankbar und ehrlich zugleich auf das Leben zurückgeschaut wurde; wenn manches abgerundet werden konnte; wenn hier auch die Möglichkeit da war, die Trauer zu zeigen; wenn dieses Abschiednehmen gut war – dann ist der weitere Weg des Abschiednehmens, der Jahre brauchen kann, besser zu gehen.

Das „Begräbnismonopol“ der Kirche
In Kärnten hat die Kirche durchaus noch so etwas wie ein „Monopol“ im Bereich von Begräbnissen. Als Trägerin der Auferstehungshoffnung, als weltweite überzeitliche Gemeinschaft und durch ihre Erfahrung mit Ritualen hat die Kirche auch in einer weitgehend entkirchlichten Gesellschaft hier noch für viele einen wichtigen Platz. Und sie vertrauen das wichtige Geschehen eines Begräbnisses meist noch einer Kirche an.
Gerade deshalb aber gilt: Begräbnisse sind ein Dienst. Angehörige und alle Anwesenden haben ein Recht, im Rahmen dieser Feier Abschied zu nehmen – ehrlich und auf ihre Weise. Hier brauchen wir als Kirche noch Lernschritte: wie gelingt es in einer pluralistischen Gesellschaft, dass dieser Abschied für alle Anwesenden stimmig ist? (js)

Text: Mag. Johannes Staudacher, verantwortlicher Seelsorger der Trauerpastoral der Diözese Gurk

Kontakt: johannes.ssl@aon.at