Dekanat

Dekanat St. Andrä im Lavanttal

Die kultivierte Sprachlosigkeit – oder: Die Kirche und ihre Angst vor Klarheit

Gedanken zum Stillstand und zur Angst des Aneckens. Kirche am Abstellgleis.

Die Welt befindet sich nicht nur in einer Krise der Ereignisse, sondern in einer Krise der Einordnung. Konflikte, Umbrüche, politische Verwerfungen – all das wäre an sich schon Herausforderung genug. Doch was die Lage wirklich verschärft, ist der zunehmende Verlust an Fähigkeit, diese Entwicklungen begrifflich zu fassen, zu differenzieren und verantwortungsvoll zu deuten.

In diesem Vakuum gedeihen Vereinfachung und Emotionalisierung. Politische Phänomene wie die Wahl Donald Trumps erscheinen dann nicht mehr als fataler Ausreißer, sondern als folgerichtige Konsequenz einer Öffentlichkeit, die Komplexität nicht mehr verarbeitet, sondern abwehrt. Wo differenzierte Sprache verschwindet, setzt sich die einfache Erzählung durch.

Gerade deshalb wäre eine Institution gefragt, die traditionell mehr konnte: unterscheiden, zuspitzen, begründen.

Die Kirche hätte hier nicht nur eine Rolle – sie hätte einen Auftrag. Doch sie erfüllt ihn nur sehr schleppend.

Was stattdessen zu beobachten ist, wirkt wie eine Form kultivierter Sprachvermeidung. Kirchliche Stellungnahmen bewegen sich auffällig häufig in einem Vokabular, das moralisch unangreifbar, aber inhaltlich unverbindlich ist. „Frieden“, „Würde“, „Zusammenhalt“ – Begriffe, die richtig sind, aber gerade deshalb kaum noch etwas leisten, wenn sie ohne Kontext, ohne Differenzierung und ohne argumentative Schärfe verwendet werden.

Das Problem liegt nicht in den Worten selbst, sondern in ihrer Verwendung. Sie werden nicht mehr gedacht, sondern reproduziert. Sie markieren Haltung, ersetzen sie aber zugleich. Hinzu kommt eine zweite, tiefer liegende Entwicklung: die fortschreitende Entmystifizierung, die allzu oft mit Modernisierung verwechselt wird.

Selbstverständlich muss religiöse Sprache verständlich sein. Sie darf sich nicht in historischer oder theologischer Abgeschlossenheit verlieren. Doch Verständlichkeit ist nicht gleichbedeutend mit Vereinfachung, und schon gar nicht mit Entleerung oder Verflachung. Genau hier liegt der entscheidende Bruch.

In dem Bemühen, anschlussfähig zu bleiben, wird das spezifisch Religiöse zunehmend zurückgenommen: das Paradoxe, das Anspruchsvolle, das Unverfügbare. Begriffe werden geglättet, Inhalte entschärft, das Geheimnis durch Allgemeinplätze ersetzt. Was bleibt, ist eine Sprache, die zwar zugänglich ist, aber nichts mehr trägt.

Modernität wird hier missverstanden – als Reduktion statt als Übersetzung.

Doch eine Sprache, die alles Schwierige vermeidet, verliert nicht nur an Tiefe, sondern auch an Glaubwürdigkeit. Denn das Religiöse lebt gerade davon, dass es nicht vollständig aufgeht, dass es fordert, irritiert, übersteigt. Wird diese Dimension aufgegeben, bleibt nur noch eine moralische Allgemeinsprache übrig, die sich kaum von säkularen Diskursen unterscheidet – nur oft vager formuliert. Damit verschärft sich das eigentliche Problem:

Die Kirche verzichtet nicht nur auf Klarheit, sondern auch auf ihr eigenes Profil.

Hinzu tritt eine weitere, besonders sensible Entwicklung: das schwindende Selbstbewusstsein im Umgang mit der eigenen Geschichte.

Dass die Kirche sich ihrer historischen Verfehlungen stellt, ist nicht nur notwendig, sondern unabdingbar. Verantwortung kann nicht relativiert werden. Doch zwischen ernsthafter Aufarbeitung und einer dauerhaften Haltung der Selbstrelativierung besteht ein Unterschied.

Wenn historische Schuld in eine permanente Gegenwartsverunsicherung übergeht, entsteht eine Form von Sprachhemmung. Die Angst, erneut schuldig zu werden oder falsch verstanden zu werden, führt dazu, dass klare Positionen vermieden werden. Man entschuldigt sich vorsorglich, bevor man überhaupt gesprochen hat. Diese Haltung hat nachvollziehbare Gründe, aber sie hat auch Konsequenzen. Sie schwächt die Fähigkeit, aus der eigenen Tradition heraus mit Überzeugung zu sprechen. Sie untergräbt das Vertrauen in die eigene Stimme.

So entsteht ein paradoxer Zustand: Eine Institution, die historisch gelernt hat, Verantwortung zu reflektieren, verliert gerade dadurch den Mut zur Gegenwartsdeutung.

Hinzu kommt die bereits erkennbare Scheu vor Präzision. Wo klare Analyse notwendig wäre, tritt vorsichtige Ausgewogenheit. Wo Konflikte benannt werden müssten, wird moderiert. Wo Widersprüche ausgehalten werden sollten, werden sie geglättet. Das Ergebnis ist eine Sprache, die weniger erklärt als beruhigt – und gerade dadurch ihre orientierende Funktion verliert.

Diese Entwicklung ist nicht harmlos. Denn sie entzieht der Kirche genau jene Qualität, die sie von anderen gesellschaftlichen Akteuren unterscheiden könnte: die Fähigkeit zur ernsthaften, auch unbequemen Deutung.

Stattdessen fügt sie sich in einen allgemeinen Diskurs ein, der bereits von Unsicherheit und intellektueller Reduktion geprägt ist. Sie wird Teil jener „Auskunftsschwäche“, die sie eigentlich überwinden könnte.

Dabei liegt die eigentliche Schwäche nicht in mangelndem Wissen oder fehlender Tradition. Im Gegenteil: Kaum eine Institution verfügt über ein vergleichbar reiches Reservoir an Begriffen, Denkformen und Erfahrungen im Umgang mit existenziellen Fragen. Die gegenwärtige Zurückhaltung ist daher keine Notwendigkeit, sondern Ausdruck einer Haltung.

Es ist die Haltung, nicht zu irritieren.
Nicht zuzuspitzen.
Nicht festzulegen.

Doch genau darin liegt das Dilemma: Wer um jeden Preis anschlussfähig bleiben will, verliert seine Eigenständigkeit. Wer niemanden herausfordert, bietet auch niemandem Orientierung.

In einer Zeit, in der einfache Antworten politische Wirksamkeit entfalten und differenzierte Stimmen zunehmend verstummen, wäre gerade das Gegenteil notwendig: eine Sprache, die unterscheidet, statt zu verwischen; die erklärt, statt zu beschwichtigen; die riskiert, statt sich abzusichern – und die das Geheimnis nicht auflöst, sondern es neu erschließt.

Eine solche Sprache wäre nicht bequem. Aber sie wäre relevant.

Solange die Kirche jedoch an ihrer vorsichtigen Unverbindlichkeit, ihrer inhaltlichen Selbstreduktion und ihrer historisch verständlichen, aber gegenwartshemmenden Selbstverunsicherung festhält, bleibt sie, bei aller moralischen Intention, das, was sie zu vermeiden sucht: nicht Gegenpol zur Verflachung des Diskurses, sondern deren leise Verlängerung.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Form ihrer heutigen Zahnlosigkeit – nicht das Fehlen von Worten, sondern das Fehlen von Tiefe, Mut und innerer Gewissheit in ihnen.

Ich bin trotzdem überzeugt, dass unsere Kirche eine wichtige und gute Zukunft hat. Glauben auch Sie daran!

Herzlich, Ihr P. Gerfried Sitar