“Ungläubiger” Thomas?
Zweifel ist nicht das Gegenteil von Glauben, sondern kann ein Weg zu einem tieferen Glauben sein.
In der österlichen Zeit feiern wir die Auferstehung Jesu besonders intensiv. Doch wie schaut das konkret aus? Was bedeutet Auferstehung für unseren Glauben, unser Leben, unseren Alltag? In seiner Epistel aus der Osternacht (Röm 6,8) schreibt Paulus: „Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ Glauben wir das? Menschen wollen und sollen ihre Glaubenszweifel äußern dürfen. Selbst Papst Franziskus hat gestanden, dass er oft am Glauben zweifelt. Wenn man nicht hinterfragen darf, was einem niemand erklären kann - was unterscheidet dann einen solchen Glauben von einer Sekte? Glauben ist mehr als das Führwahrhalten von Glaubenssätzen. Deshalb ist Thomas ist ganz wichtiger Apostel.
„Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus …“ So beginnt das heutige Evangelium. Damit beginnt für Johannes Ostern, der erste Tag. Das Evangelium führt uns hinein in die erste Begegnung der Jünger mit dem auferstandenen Jesus, aber auch in Zweifel, Angst und ganz menschliche Fragen.
Am Abend des Ostertages haben sich die Jünger eingeschlossen. Die Türen sind aus Furcht verriegelt. Die Kreuzigung Jesu ist noch nicht lange her, ihr Schmerz ist noch frisch. Sie haben Angst, selbst verhaftet zu werden. Was die Jünger damals brauchten, ist auch heute vielen Menschen vertraut: Schutz, Sicherheit, Trost.
Jesus tritt in diese Situation hinein. Die Jünger haben sich eingeschlossen, aber Jesus lässt sich nicht aussperren. Trotz verschlossener Türen steht er plötzlich da; nicht als Geist, sondern leibhaftig. Und er spricht: „Friede sei mit euch!“ Es sind nicht nur schöne Worte. Es ist ein Geschenk. Jesus bringt ihnen genau das, was sie am nötigsten brauchen: Frieden für ihre erschütterten Herzen. Er macht den Jüngern keinen Vorwurf, keine Ermahnung. Nur die zentrale christliche Botschaft: „Friede sei mit euch!“
Und dann geschieht etwas Entscheidendes: Jesus haucht sie an und spricht: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Er haucht sie an. Im Johannesevangelium beginnt Pfingsten bereits zu Ostern. Die Jünger werden bevollmächtigt, den Frieden weiterzutragen, Sünden zu vergeben, eine neue Gemeinschaft zu bauen.
Aber Thomas fehlt. Als er von den anderen hört, dass sie Jesus gesehen haben, glaubt er es nicht. Und wer kann es ihm verdenken? Würden wir es glauben? Er verlangt Beweise: Sehen, fühlen, begreifen. Deshalb nennt man ihn auch den „ungläubigen" Thomas. Doch Thomas ist gar nicht der Ungläubige, sondern der Ehrliche. Er spricht aus, was viele denken, aber nicht sagen. Seine Zweifel machen ihn nicht zu einem schlechten Jünger, sie machen ihn sehr menschlich. Er steht für den ehrlichen Zweifel. Sein Wunsch nach Gewissheit ist kein bloßer Unglaube, sondern ein Ringen um Wahrheit. Und so gesehen ist Zweifel nicht das Gegenteil von Glauben, sondern kann ein Weg zu einem tieferen Glauben sein.
Acht Tage später erscheint Jesus wieder. Und abermals beginnt er mit den Worten: „Friede sei mit euch!“ Jetzt ist Thomas dabei. Und Jesus geht liebevoll auf ihn ein. Er bietet ihm an, seine Wunden zu berühren. Dann hören wir eines der stärksten Bekenntnisse zur Göttlichkeit Jesu überhaupt: „Mein Herr und mein Gott!“ Gerade der Zweifler wird hier zum klarsten Bekenner. Wenn Jesus „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ antwortet, dann ist das ist keine Abwertung des Zweifels. Auch wir sind eingeladen, Jesus zu vertrauen, auch wenn wir ihn nicht mit unseren Augen sehen können.
Thomas steht für den modernen Menschen: Skepsis gegenüber Überliefertem; Wunsch nach Beweisen; Bedürfnis nach persönlicher Erfahrung. Thomas lehrt uns aber auch: Der Zweifel kann zum Segen werden, wenn er uns tiefer zum Glauben hinführt.
Ich denke an dieser Stelle auch an die vierte Strophe des Liedes Gottheit tief verborgen (Gotteslob 497), wo es heißt:
Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot,
bet ich dennoch gläubig: „Du mein Herr und Gott!“
Tief und tiefer werde dieser Glaube mein,
fester lass die Hoffnung, treu die Liebe sein.
Norbert Wohlgemuth