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Institut für kirchliche Ämter und Dienste

Von Gott umarmt

Spurensuche BETEN - Geistliche Impulse von Michael Kapeller über bedeutende Männer und Frauen des 20. Jahrhunderts

Sonnenaufgang (© Foto: Michael Kapeller)
Sonnenaufgang (© Foto: Michael Kapeller)

Am 6. Februar 2008 lud der Dachverband Hospiz Österreich in Wien um 10.00 Uhr zu einer Pressekonferenz in den „Club Stephansplatz 4“. Die Öffentlichkeit sollte erfahren, was intern bereits seit einigen Monaten bedrückende Gewissheit war. Die Präsidentin des Dachverbandes, Sr. Hildegard Teuschl, konnte die Leitung nicht länger wahrnehmen. Eine Krebserkrankung machte einen Wechsel notwendig. Als Nachfolgerin wurde Waltraud Klasnic, die Wunschkandidatin von Hildegard Teuschl, gewählt und der Öffentlichkeit präsentiert. In den letzten Monaten, so berichtete Hildegard Teuschl in dieser Pressekonferenz,  musste sie einen Rollenwechsel vollziehen, der für sie nicht leicht war: Sie wurde von der „Hospizfachfrau“ zur betroffenen Patientin. Mittlerweile blicke sie aber dankbar auf ein erfülltes Leben zurück. Darin spielte ihre Gottesbeziehung immer eine zentrale Rolle. Besonders in Krisenzeiten durfte sie dieses Gehaltensein von Gott spüren –  wenn auch oft erst im Nachhinein. So beginne sie diese allerletzte Lebensphase mit Zuversicht aber auch mit Fragen:

Werde ich die Kraft bekommen, mich Gott zu überlassen, wenn ich mich hilflos und angewiesen erlebe? Werde ich mich wirklich ausliefern können, so wie ich es erhoffe?

Visionärin und Praktikerin

Sr. Hildegard  wurde als Waltraud Teuschl im Jahr 1937 als ältestes von drei Kindern in Wien geboren. Ihre Kindheit war überschattet von den Schrecken des 2. Weltkrieges und den Entbehrungen der Nachkriegszeit. In ihrer Familie erfuhr sie jedoch Geborgenheit und Sicherheit. Prägend war für sie vor allem die Mutter, die sich in dieser schwierigen Zeit um die Menschen in der Siedlung kümmerte. So begleitete Waltraud ihre Mutter immer wieder zu Verstorbenen. Dadurch wuchs in ihr ein ganz selbstverständlicher Umgang mit dem Leben und mit dem Tod. Nach der Matura1955 am Gymnasium Sacré Coeur absolvierte Waltraud bis 1961 ein Lehramtsstudium für Französisch in Wien und Frankreich. Seit ihrer Gymnasialzeit ließ sie der Glaube nicht los. Erst im April 1962 folgte sie ihrer Berufung und trat in die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis ein. Dort nahm sie den Ordensnamen Hildegard an. Dem voraus gegangen war ein Konflikt mit der Familie, der ihr viel Kraft gekostet, sie zugleich aber wohl auch zu einer eigenständigen Persönlichkeit geformt hatte. Von 1966 bis 1998 leitete Hildegard Teuschl das Caritas Ausbildungszentrum für Sozialberufe in Wien. Eine entscheidende Wende erfuhr ihr Leben als sie 1987 die Hospizbewegung in Deutschland und England kennen lernte. Hospiz heißt übersetzt „Herberge“. Darum geht es auch in der Hospizbewegung: Menschen in ihrer letzten Lebensphase ein Sterben in Würde in einer Atmosphäre der Geborgenheit zu ermöglichen. Dafür wollte sich Hildegard Teuschl  einsetzen. Gemeinsam mit Ärzten gründete sie das erste mobile Hospizteam in Wien und später dann weitere in den Bundesländern. Für die stationäre Betreuung schuf sie das Hospiz am Rennweg. Sie entwarf Ausbildungslehrgänge und schloss die unterschiedlichen Hospizeinrichtungen zu einem Dachverband zusammen. Für die Verbreitung des Hospizgedankens nahm Hildegard Teuschl Einfluss auf die Politik und nutzte ihre internationalen Kontakte. Für ihren Einsatz erfuhr sie Anerkennung durch Ehrungen und Preise.

Ein ganz langsamer Walzer

Zwanzig Monate verblieben Hildegard Teuschl von der Diagnose Knochenmarkkrebs bis zu ihrem Tod am 18. Februar 2009. Sie wusste, an Heilung ist nicht zu denken. Rasch nahmen die Lebenskräfte ab. Ihre Arbeit setzte sie dennoch fort, mit mehr Pausen, jedoch mit nicht weniger Engagement. Bewusst nahm sie von ihren Freundinnen und Freunden Abschied und legte ihr Lebenswerk in andere Hände. Der Glaube an Gott und das Gebet wurden in diesen Monaten zur tragenden Stütze. Die Kraft, die sie zeitlebens aus ihrer Gottesbeziehung geschöpft hatte, verließ sie auch jetzt nicht. So wirkte sie in dieser Zeit noch an einem Filmprojekt über ihr Leben und ihren nahenden Tod mit. Auf die abschließende Frage, welchen Tanz sie denn mit dem Tod tanzen möchte, antwortete Hildegard Teuschl:

Einen ganz langsamen Walzer – wo ich vom anderen gehalten und getragen, nicht überfordert werde, und mich in dieser Umarmung wohl fühle (…) –  aufgenommen in die Umarmung Gottes.

Wenige Wochen vor ihrem Tod bat Hildegard Teuschl um Aufnahme in das Hospiz am Rennweg. An diesem Ort, der für sie Herberge war, wollte sie sterben und sich Gott ausliefern. Gott dem sie es zutraute, dass er mit ihr über die Schwelle des irdischen Lebens in das neue Leben tanzt.