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Institut für kirchliche Ämter und Dienste

Gott als (inneres) politisches Programm

Spurensuche BETEN – Geistliche Impulse von Michael Kapeller über bedeutende Männer und Frauen des 20. Jahrhunderts

Rosette im Dom von Como (© Foto: Thommy Weiss auf pixelio.de)
Rosette im Dom von Como (© Foto: Thommy Weiss auf pixelio.de)

Am 17. September 1961 startete gegen vier Uhr nachmittags ein Flugzeug der Vereinten Nationen von Léopoldsville (heute: Kingshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo) zu einer Vermittlungsmission in Richtung der abtrünnigen Provinz Katanga. Um 22.35 Uhr, knapp vor Ndola, brach der Funkkontakt ab. Erst sechs Stunden später erstattete der Tower von Ndola Meldung. Das ausgebrannte Flugzeug fand man schließlich neun Kilometer von der Grenze Katangas entfernt. Keiner der fünfzehn Insassen überlebte. Die Ursache des Absturzes konnte nie restlos geklärt werden.
An Bord der Maschine hatte sich der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld befunden. Wie eine Schockwelle verbreitete sich diese Nachricht über den Globus. Mit Dag Hammarskjöld starb einer der einflussreichsten Politiker seiner Zeit. Er hatte die Vereinten Nationen wie kein zweiter geprägt. Gewürdigt wurde er als Friedensstifter und Begründer der UN-Blauhelme. Posthum wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Wie sich später herausstellte war dies aber nur die eine Seite dieses schwedischen Diplomaten. In seiner Wohnung in New York fand man Tagebuchaufzeichnungen, die von einer tiefen mystischen Verbindung mit Gott Zeugnis geben.


Ein Leben des Dienstes und der Hingabe

Dag Hammarskjöld wurde am 29. Juli 1905 als jüngster von vier Söhnen in Jöngköping, im Nordwesten Schwedens, in eine alte Adelsfamilie hineingeboren. Über die Prägung durch seine Familie meinte Hammarskjöld einmal: "Von den Vorfahren meines Vaters, die allesamt Soldaten und Regierungsbeamte gewesen waren, habe ich Pflichterfüllung und die Hingabe in eine Aufgabe gelernt. Von meiner Mutter, die einer Familie aus Gelehrten und Kirchenmännern entstammte, erbte ich den Glauben." Seine politische Karriere startete Hammarskjöld 1936 als Staatssekretär im Finanzministerium. Später wurde er zum Präsidenten des schwedischen Reichbankdirektoriums ernannt, ehe er 1949 ins Außenministerium wechselte. Am 7. April 1953 wurde dieser parteiunabhängige schwedische Politiker zum zweiten Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt und 1957 wiedergewählt.  Persönlich lebte er zurückgezogen und ordnete sein privates Leben ganz seiner Aufgabe unter. Als Generalsekretär galt er zunächst als Kompromisskandidat. Im Kalten Krieg profilierte Hammarskjöld die Uno jedoch zu einer Friedensorganisation, die sich auch militärischer Mittel bediente. Dadurch geriet er immer wieder in Konflikt mit den Interessen der Großmächte. Diesen Auseinandersetzungen begegnete er mit der Überzeugung:

Es ist sehr leicht, sich den Wünschen einer großen Macht zu beugen. Es ist eine andere Qualität, dem zu widerstehen.

Ein moderner Mystiker

Die religiöse Seite Dag Hammarskjölds blieb verborgen – zu groß war seine Sorge vor Vereinnahmung. Dennoch war sie für ihn Fundament und Maßstab seines Lebens und politischen Handelns. Im Gebet wagte er den Abstieg in das Innerste seines Inneren. Dort ereignete sich für ihn die Begegnung mit Gott dem Vertrauten und dem ganz Anderen.

Gott, du bist lebendig, du bist in mir.
Du bist hier, du bist jetzt. Du bist.
Du bist der Grund meines Seins. Ich lasse los.
Ich sinke und versinke in dir. (...)

Diese Begegnung war für ihn wie ein Schöpfungsakt, aus dem Neues zu entstehen vermochte und eine Verantwortung, der er sich nicht entziehen konnte. Gott führte ihn in die Tiefe seiner Existenz und in die Weite der Schöpfung. Zugleich aber litt Dag Hammarskjöld unter dem „Außen“ des Lebens: dem Lärm der Welt, den menschlichen Abgründen und der abendlichen Einsamkeit nach einem Tag rastlosen Einsatzes. Bis zuletzt wollte er die Wunder des Lebens nicht „außen“ sondern „innen“ suchen. So fand man in seinem Zimmer in Léopoldsville das Buch „Die Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempten. Darin hatte er noch gelesen – unmittelbar bevor er am 17. September 1961 gegen vier Uhr nachmittags das Flugzeug bestieg.