Organisation

Referat für Menschen mit Behinderungen

Mein Leben ist anders geworden

 (© Foto: ÖAMTC)
(© Foto: ÖAMTC)

„Halte durch, wir sind da!“

An einem Nachmittag im Oktober schießt plötzlich ein LKW über den Platz. Der Fahrer verwechselt die Bremse mit dem Gaspedal, und erst die Mauern der Kirche bringen sein Fahrzeug zum Stehen. Und ich bin da, klebe auf der Motorhaube, komplett betäubt durch den Schock. Ich erwache so halb, als mich die Rettung abholt. Es ist eigenartig, ich leide nicht, nur an der Aufregung um mich herum merke ich, dass ich wohl schwer verletzt sein muss. Sehr bald bin ich wieder bewusstlos, aber irgendwie zuversichtlich, dass ich in besten Händen bin. Nach einiger Zeit höre ich ganz weit weg eine Stimme. Wo bin ich? Ich sehe nichts, liege auf dem Rücken und kann mich nicht bewegen. Diese Stimme, ich erkenne sie, es ist die Stimme meiner Schwester. Ich verstehe nicht, was sie mir sagt, aber plötzlich höre ich den Namen meiner Frau und unserer Kinder. Ich erschrecke, sie sind doch weit weg. Ich werde wieder bewusstlos, aber mit dem beruhigenden Gefühl, dass meine Liebsten benachrichtigt worden sind.
Plötzlich höre ich wieder eine Stimme, ganz nah bei meinem Gesicht. Ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos war, es ist die Stimme meines Bruders: „Du hattest einen schweren Unfall, Du wirst gut gepflegt. Halte durch, wir sind da, Du schaffst es!“ Und dann bin ich im künstlichen Tiefschlaf. Diese letzte Ermutigung nehme ich mit, ohne zu wissen, dass ich erst zehn Wochen später aufwachen werde! Jetzt ist da nichts mehr, nur ein großes schwarzes Loch.
Später wird mir erklärt, dass ich die schweren Verletzungen, mit allen Komplikationen, mit Beatmung, Dialyse ... sehr gut überstanden habe. Woher kam diese Kraft? Trotz meiner mehrfachen Brüche und meiner Lähmung empfinde ich eine besonders große Dankbarkeit dem Krankenhauspersonal gegenüber. Alle kümmern sich so rührend um mich! Ich merke an ihren Reaktionen, dass ich offensichtlich mehr tot als lebendig gewesen bin.
Welche Kraft hat mich diese zehn Wochen hindurch getragen? Ja, das ist es! Es ist die Leben spendende Aufmerksamkeit, die Liebe, die mir am Beginn dieses Tunnels zuteil wurde. „Die Liebe rettet!“, heißt es Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass diese Erfahrung so stark sein kann.  
B. G.

Meine Behinderung ist (un)sichtbar

Mein Unfall mit Schädel-Hirn-Trauma hat mich grundlegend verändert. Zwar bin ich auf den ersten Blick hin noch immer der Gleiche. Aber ich habe Störungen, eine „unsichtbare Behinderung“. Sie betrifft die Konzentration, das Kurzzeitgedächtnis, die Zeiteinteilung, aber auch mein Verhalten; mein Charakter hat sich verändert.
Ich kann z. B. an einem Tag denselben Brief einige Male schreiben, eine Person immer wieder anrufen, ohne dass es mir auffällt. Und obwohl ich leitender Angestellter war, bin ich nicht im Stande, ein Team zu führen ... Schon mein eigenes Leben zu managen, fällt mir schwer. Ich habe versucht, mit Post-It-Notizen zu arbeiten, aber ich vergesse regelmäßig, sie anzuschauen.
Meine Frau hat sich an mein „nicht-normales“ Verhalten gewöhnt; aber in Gesellschaft fürchtet sie meine Aussagen, auch wenn ich versuche aufzupassen. Zu Hause kann ich mich gut um unsere 4 Kinder kümmern. Auch wenn das Risiko bleibt, dass sie ohne ihre Jacken in die Schule gehen oder dass ich vergesse, sie pünktlich von der Schule abzuholen ...  
Karl C.

Mein Sohn hatte einen Autounfall

Mein Sohn war 30 Jahre alt, als er einen folgenschweren Autounfall hatte. Das Ganze passierte in Malaysia, wo er damals bereits seit sechs Jahre gearbeitet hat. Ein Anruf um halb fünf in der Früh hat mich aufgeweckt, man sagte mir, er sei schwer verletzt und liegt im Spital von Kuala Lumpur, mehr konnte ich nicht erfahren. Seit diesem Moment hat sich das Leben für uns alle in der Familie verändert. Drei lange Wochen saß ich an seinem Bett im Spital, er war vom Hals abwärts gelähmt, konnte aber alleine atmen, reden und mit Hilfe essen und trinken. Man gab uns wenig Hoffnung, dass er sich je wieder bewegen wird können, die Chancen lagen bei 20 Prozent. Die Ärzte waren alles andere als optimistisch. Mit großer Mühe haben wir ihn zurück nach Hause gebracht, er hat eine 10-monatige Rehab gemacht. Unser Haus wurde entsprechend umgebaut, sodass er danach mit uns wohnen konnte. Zwei Jahre sind so vergangen, sein Leben sollte er scheinbar für immer im Rollstuhl verbringen. Die Ärzte haben ihm keine besondere Aufmerksamkeit oder Hilfe mehr gegeben und er hat auch nur minimale Fortschritte gemacht.

Durch Freunde kam ich in Kontakt mit einem Neurologen und seiner Frau, die auch als Ärztin tätig war. Sie arbeiteten beide in Amerika, aber zeitweise auch in Europa. Die Begegnung mit den beiden war ein Geschenk des Himmels, und seither hat sich alles verändert. Mit Optimismus, Humor und großem Interesse haben sie meinem Sohn Lebensmut zurückgegeben. Nach einem zweimonatigen Aufenthalt mit intensiven Therapien bei ihnen, ist er nach Hause gekommen, konnte auf seinen Beinen stehen und sogar mit Hilfe gehen. Es war für uns wie ein Wunder. Heute hat er eine eigene Wohnung, kann ein selbständiges Leben führen, allerdings immer mit Hilfe eines Assistenten.

Wenn ich überlege und diese 15 Jahre seit seinem Unfall vor mir sehe, bin ich unendlich dankbar, für alles was ich gelernt habe. Man muss nur versuchen, alles in die Hände Gottes zu legen, nicht über sich selbst klagen und sein Schicksal beweinen. Es gibt immer einen Weg und es kommt so viel Gutes als Geschenk, auch wenn es oft hoffnungslos aussieht.

Ich wünsche allen, die in der Familie oder unter ihren Freunden jemanden mit einer Behinderung haben, die Situation akzeptieren zu können und mit Liebe zu erkennen, wie wertvoll alle Menschen sind, auch diejenigen mit großen Schwierigkeiten und ernsten Krankheiten und Behinderungen. Mein Sohn ist mir jetzt meine größte Freude, und wir sind einander, gerade durch sein Schicksal, sehr nahe gekommen.
eine Mutter