Kirche als Biotop der Hoffnung

Bischof Schwarz zum Strategie-Planungsprozess der Katholischen Kirche Kärnten -Mit Jesus Christus den Menschen nahe sein

Diözesanbischof Dr. Alois Schwarz motiviert MitarbeiterInnen zur aktiven Teilnahme am Leitbildprozess der Katholischen Kirche Kärnten (© Foto: KH Kronawetter / Internetredaktion)
Diözesanbischof Dr. Alois Schwarz motiviert MitarbeiterInnen zur aktiven Teilnahme am Leitbildprozess der Katholischen Kirche Kärnten (© Foto: KH Kronawetter / Internetredaktion)

„Die Öffnung der Kirche gegenüber der Welt und ihrer Gesellschaft heißt auch, zumindest im Zeitlichen, ihre Konkurrenz anzunehmen. Das bedeutet, dass auch innerhalb der Kirche vom Theologiestudenten und Kaplan bis zum Bischof auf die Qualifikation der Verantwortungsträger entsprechend zu achten ist; dass also nicht nur die seelsorgerischen Eigenschaften und Karrierevorschriften, sondern auch die Fähigkeit zu führen und Bildung Maßstäbe sein müssen. Die Konfrontation mit der Welt wird selbst unerbittlich für die Einhaltung dessen sorgen.“ (Dr. Otto Schulmeister im Jahr 1967 in seinem Buch „Die Zukunft Österreichs“ im Kapitel „Abschied vom Väterglauben“)

Was der österreichische Publizist Otto Schulmeister, langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“, vor 44 Jahren niederschrieb, ist wohl heute so gültig wie damals. Aber wohl auch noch viel wichtiger als damals.
Die Katholische Kirche Kärnten steht – wie auch derzeit die Kirche insgesamt – vor neuen Herausforderungen und Aufgaben. Die zahlreichen Krisen und Kirchenaustritte der vergangenen Jahre und Monate sind sehr schmerzhaft. Wir alle, ich als Diözesanbischof, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Diözese und in den Pfarren wie auch alle Katholikinnen und Katholiken werden dazu täglich mit vielen Fragen konfrontiert: Fragen, die von außen kommen, und Fragen, die im Inneren gestellt werden.

Viele Fragen

Die Menschen sind heute wählerisch, sie suchen aus, sie fragen sich, was ihnen im Leben und zum Leben besser helfen kann. Der deutsche Publizist Matthias Matussek, überzeugter Katholik und Autor des Buches „Das katholische Abenteuer“, bringt das in einem paradoxen Bild zum Ausdruck: „Die Kirchen bluten aus, gleichzeitig steigt die Sehnsucht nach Orientierung, nach Standpunkten, nach Glaubwürdigkeit.“
Wofür stehen wir als Katholische Kirche in Kärnten? Wonach richten sich unsere Pfarren und vielen Gemeinschaften aus? Immer öfter werden wir von den Menschen in unserem Land nach unserem geistlichen Profil gefragt. Und wohin will sich die Kirche entwickeln? Welche Pläne, welche Programme und Strategien bestimmen die pastoralen Zielsetzungen und Aktionen? Was wollen wir als Katholiken gemeinsam erreichen? Welche Werte und Prinzipien sollen unser Handeln leiten? So fragen die Gläubigen und ebenso die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Offener und transparenter Prozess

Als Bischof ist es mir ein großes Anliegen, solche und ähnliche Fragen in einem offenen und transparenten Prozess, in den stufenweise die gesamte Diözese einbezogen wird, zu klären und daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten. Es muss und kann die Katholische Kirche Kärnten für die Menschen in diesem Land wieder ein starker Hoffnungs- und Sympathieträger werden! Ich habe mich daher im Frühling des Jahres 2011 entschlossen, einen entsprechenden Strategie-Planungsprozess zu intensivieren, um eine gemeinsame schöpferische Erneuerung für unsere Kirche zu fördern und zu entwickeln. Eine von mir einberufene Strategie Planungsgruppe hat unter fachkundiger Anleitung eines externen Beraterteams im Juni 2011 die ersten Eckpunkte für den weiteren Prozess gesetzt. Hinter dem Arbeitstitel „Struktur und Entwicklung stärken: führen und leiten“ steht ein klares Wollen: Wir wollen uns jetzt den Herausforderungen der Zeit stellen und
durch zeitgerechtes Handeln erreichen, dass die Menschen und ihre berechtigten Interessen verstärkt Gehör und Beachtung finden. Wir wissen, dass es an uns allen – an mir als Diözesanbischof, an den von mir bestellten Verantwortungsträgern, sowie an allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Diözese und in den Pfarren – liegt, wieder Vertrauen und Zuversicht bildende Naheverhältnisse zu den Menschen in Kärnten aufzubauen und zu erhalten.

Drei Leitziele

„Mit Jesus Christus den Menschen nahe sein“ – in diesen Worten ist das Leitbild der Katholischen Kirche Kärnten zusammengefasst. Dieses Leitbild und drei daraus entwickelte Leitziele für die nächsten fünf Jahre sind im Juni 2011 von der Strategie-Planungsgruppe der Diözese unter meinem Vorsitz erarbeitet worden. Die genannten Leitziele lauten:

  • Wir – der Bischof und die von ihm bestellten Verantwortungsträger – geben Halt und Orientierung. Wir ermutigen die MitarbeiterInnen, sich wechselseitig zu stärken, einander zu beraten und zu stärken im Sinne der gemeinsamen Arbeit.
  • Wir wollen, dass aus unseren MitarbeiterInnen in fünf Jahren Verbündete mit einem starken und bewussten Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche geworden sind. So tragen wir miteinander Verantwortung für die Katholische Kirche in Kärnten.
  • Weil wir mit Jesus Christus den Menschen nahe sein wollen, sind wir überzeugt, dass es eine Vielfalt von Zugängen zum christlichen Glauben gibt. Wir vertreten ein einladendes katholisches Profil und fördern innerhalb unserer Kirche unterschiedliche Angebote christlicher Glaubenspraxis.

Nach einer ersten Klausurtagung der Strategie-Planungsgruppe am 13./14. Juni 2011 im Stift St. Georgen/Längsee wurde ein Vorgehensplan zur weiteren Strategie-Erarbeitung und Umsetzung erarbeitet. Dabei galt es, auf der Grundlage des Leitbildes und der Leitziele zukunftsorientierte Maßnahmen und Projekte auszuwählen und zu definieren, die von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Diözese erarbeitet und ausgeführt werden sollen. Ein Grundsatz war und soll auch hinkünftig ständiger Begleiter dieses Erneuerungsprogrammes sein: Wir suchen nicht nach Schuldigen, sondern nach konstruktiven Lösungen für die Zukunft!

Strategische Ziele und Aktionspläne

In diesem Sinne wurden bei einer weiteren Klausur der Strategie-Planungsgruppe im Stift St. Georgen/Längsee im Oktober 2011, ausgehend von Leitbild und Leitzielen, strategische Ziele, Maßnahmen und Aktionspläne entwickelt. Die Schwerpunkte:

  • Die gemeinsame Erarbeitung der strategischen Ziele für die nächsten fünf Jahre nach den vier Quadranten Gläubige, Finanzen, Prozesse, sowie Lernen und Entwicklung.
  • Die Festlegung von Ereignissen (bzw. Kennzahlen), die eingetroffen sein müssen, damit ein Ziel als tatsächlich erreicht gilt.
  • Die Bestimmung von so genannten „Ziel-Paten“, wodurch eine möglichst hohe personelle Identifikation mit den Zielen erreicht werden soll.
  • Die Vorstellung der nächsten Schritte (Großgruppenveranstaltung mit allen Führungskräften der Diözese und Workshops der „Ziel-Paten“ mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern).

 

Biotop der Hoffnung

Die Katholische Kirche Kärnten kann glaubwürdige Hoffnung, aufrichtenden Halt und bewegende Orientierung geben. Die Kirche kann diese Aufgabe erfüllen, aber sie muss mit Gottes Hilfe auch neue Wege suchen und finden, auf denen dem Trend zur Abkehr von der Kirche entgegengewirkt werden kann. Die Kirche in unserem Land kann und soll wie ein Biotop der Hoffnung erlebt werden, in dem die Menschen Zuwendung und Zuneigung finden. Wo sie erfahren können, dass Leben mehr ist als Essen und Trinken, Arbeiten, Leisten, Schaffen und Schlafen. Dass Leben mehr ist als oberflächliche Unterhaltungsindustrie, Eventkultur und Zerstreuung.
Als Bischof möchte ich mich einsetzen für eine Katholische Kirche Kärntens, die offen ist und nicht sagt, wir schrumpfen halt zusammen auf ein paar wenige – und „wir sind dann noch die Kirche“. Ich möchte mit den Katholikinnen und Katholiken im Lande eine offene Kirche leben und gestalten, mit großer Sympathie und Wertschätzung für das vielfältige Leben der Menschen. Und mit einer großen Leidenschaft für Gott, für Jesus Christus und dessen Weg mit den Menschen. Deshalb wünsche ich der Kirche in unserem Land, dass sie darauf schaut und sich daran hält, wie Jesus Christus den Menschen nahe zu sein, nämlich tröstend und heilend. Stets ein gutes, aufrichtiges und aufrichtendes Wort sagend. Wir wollen und sollen gemeinsam eine Kirche sein, in der sich die Menschen in ihrer Würde anerkannt, gefördert und herausgefordert erleben. Ich verspreche: Wir alle, die wir für die Katholische Kirche Kärnten arbeiten, werden unser Bestes geben, um unser Leitbild: „Mit Jesus Christus den Menschen nahe sein!“ auch mit Leben zu erfüllen.

Erstveröffentlicht im Jahrbuch der Diözese Gurk 2012, 100-103.