Pfarre

Klagenfurt-Welzenegg

Erste Kärntner Geräuschmesse

Matthias Erian

Nachbetrachtung für 2017

Einige Stimmen nannten die heurige Messe die tiefste und radikalste Erfahrung mit Stille im Gottesdienst. Matthias Erians musikalisches Konzept ging von Naturgeräuschen - genauer: naturanalogen Geräuschen aus. So hörten wir im Gottesdienst etwas, was uns an Meeresrauschen denken ließ, an Wind im Hochgebirge, an einen Fluss, an den Herzschlag, an Aufregung oder an einen kurzen, überraschten Aufschrei oder ein unbeabsichtigtes lautes Seufzen. Und der Künstler selbst hörte während der Geräuschstrecke draußen ein Auto fahren und holte kurzerhand ein Autogeräusch aus seiner Geräuschbibliothek und setzte es in die Geräuschkulisse ein, sodass wir es im Kirchenraum weiterfahren hörten, aber nun vergeblich die Scheinwerfer an den Wänden wandern suchten.

Das war eine der großen Erfahrungen diesmal: wie sich Außen und Innen durchdringen und schließlich eins werden. Nicht nur die Kirchenumgebung mit den Vorgängen im Gottesdienst. Auch unser eigener Körper. Unser Atem und Herzschlag, eine kleine Kopfbewegung, ein Lidschlag, sogar eine bloße Vorstellung eines Geräusches oder eine Assoziation: all das lässt die Stille - oder die Beinahestille - mit dem weichen Teppich zusammenwachsen, auf dem wir uns bewegen.

Andererseits ist eine solche Erfahrung der Sinne etwas für Einzelmenschen, für Individuen. Denn in der finsteren Kirche, bei diesen ungewohnten Vorgängen, ist jeder auf sich selbst zurückgeworfen, hat Augen und jedenfalls Ohren weit aufgesperrt und horcht aufmerksam in den Raum hinaus. Aber dort erklingen im auf- und abebbenden Rauschen auf einmal Schritte oder ein plötzlicher Ruck, wie wenn dich ein Nervenzucken zusammenfahren lässt, und man fühlt weitere Personen anwesend im Hörraum, die man ja auch gesehen hat, und tatsächlich hat der Priester von vorn aus Zuspätkommende gesehen im einigermaßen erhellten Eingangsraum, bereits in der Eingangstür vor dem dunklen Schneehintergrund des Kirchhofs, und das leise Ächzen der Glastür ist ebenfalls ein Teil des Gehörten. Das aufmerksame Wahrnehmen erzeugt also sowohl Einzelmenschen wie auch eine Gemeinschaft, ein Miteinander von Hörenden, und nach dem Gottesdienst standen sie auch gleich alle zusammen vor der Kirche und verglichen das Gehörte und ließen sich Gehörtes erzählen.

Die Schriftlesungen pendelten um das Hörbarwerden des geschauten Ewigen und Jenseitigen, nämlich die Thronvision der Apokalypse, und während die Lesung tonlos im Finstern erging, während Wort für Wort, ohne Stimme und Betonung, geflüstert gehört wurde, erschien auch der Thron sichtbar im Raum, indem er von Kerzen erhellt wurde, die nun neben ihm aufgestellt waren - ein Thron, weißlich, aber von unbestimmbarer Größe, wie schwebend über dem Boden, aber danach löste er sich wieder auf in eine unbestimmte Ahnung, denn beim Evangelium standen die Kerzen beim Ambo und dann wieder beim Altar. Im Evangelium wurde Wind gehört und Brausen, das sich nicht zuordnen ließ, und die Ursprungslosigkeit wurde Geist genannt, Wasser und Geist als Ursprung, hörbar und nicht hörbar, und das Hören war Neutaufe für das Gottesreich. Geistiges und Sinnliches erschienen hier als Kontinuum und waren keine Gegensätze mehr.

Das zum Festgeheimnis: von Mariä Empfängnis gab es nur die Orationen, und auch diese nur in Ausschnitten, und die Empfänglichkeit. Das Glasbild der bläulich durchscheinenden Maria, das uns voriges Jahr Hans Peter Profunser gemacht hat, wie eine stumme Erinnerung, von der ersten Kerze des Adventkranzes schwach durchleuchtet. Aber all die Andeutung, all das Ausgelassene, so die Stimmen danach, genügte, um doch alles wahrzunehmen. Von jedem Absatz im Hochgebet nur der Anfang, das ist genug, um selber ganz zu beten, es braucht nur den Anschub, in der Gemeinde wird es dann ganz. Und ist nicht schließlich das wirklich Gottesdienst, was Fragmentarisches die Gemeinde gläubig zusammenführt und ausweitet ins Ewige, als Geistereignis?

 

Gerhard Laber

Eine Nachbetrachtung für 2016

Ich stehe vor der Kirche. Es ist ganz dunkel.
Leider bin heute zu spät. Aber es ging nicht anders.
Durch die Glastüren sehe ich beim Altar Kerzenlicht.
Leise betrete ich die Kirche.
Ganz laute und eigenartige Musik empfängt mich.
Ich sehe vertraute Gesichter. Setze mich nieder. 
Was ist das nur für eine Musik? Ich lausche.

Der Pfarrer beginnt mit dem Tagesgebet.
Es wird geflüstert, auch beim Beten.
Die Musikrichtung hat sich geändert.
Nun lausche ich gespannt.
Diese ruhige, doch sehr eigenwillige Art von Musik fängt mich ein.

Außerdem hab ich ein wunderschönes Bild entdeckt.
Es ist ein Marienbild.
Unsagbar schön. Ganz einfach gezeichnet. Sehr schlicht.
Und das dezente Kerzenlicht macht sie für mich sehr zart, zerbrechlich und erotisch.

Die ganze Messe ist eigenartig. Doch man fühlt sich wohl, sicher und geborgen.

Danke!

E.S.

 

Rückblick:

Nina Polaschegg, Bruno Strobl 2015

Emil Kristof, Helge Hinteregger 2014

Die beiden Musiker loten die Möglichkeiten der musika- lischen Geräuscherzeugung aus: Wie klingt Musik jenseits von Tonfolgen und eingängigen Melodien? Welche Reakti- onen, Assoziationen und Verhaltensmuster lösen Geräusche aus?

Fest steht, dass in der Entwicklung der Menschheit Ge- räusche, Puls und Rhythmus eine elementare wie univer- selle Erfahrungen darstellen. Gefahr, Freude, Leben und Tod sind einem bestimmten Ge- räuschumfeld zugeordnet, das uns unbewusst lenkt und in unseren Entscheidungen beeinflusst.

Die Geräuschmesse bietet eine Gelegenheit, das weite Feld der Geräusche bewusst auszuloten, Ohr und Herz für Unge- wohntes zu öffnen und den Musikbegriff zu erweitern.

Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien, sagt Jesus zum Jubelverbot der Pharisäer. Er zitiert den Propheten Habakuk, der die Steine in der Hausmauer von der Ungerechtigkeit der Erbauer schreien hört.

Als Gott seinen Propheten Elija erreichen will, der zuweilen eigensinnig und verschlossen ist, lässt er Sturm, Erdbeben und Feuer vorüberziehen, um ihn schließlich im Säuseln des Windes anzusprechen. Die Psalmen kennen eine eigene Sprache der Schöpfung: Alles, was von Gott kommt, klingt auch nach ihm. Die Schöpfung preist Gott mit ihrer eigenen Stimme, und spirituell feinfühlige Menschen können sich auf diese Stimme einlassen, die älter und urtümlicher ist als die der Menschen.

Als Gott in diese seine Schöpfung seinen Sohn einbettete, hat er zuerst Jesu Mutter rein erschaffen. Daran erinnert das Fest Mariä Empfängnis. Wir hören dort im Evangelium den Engel Maria ansprechen und sehen sie empfänglich für seine Botschaft. Und als ein solches Ereignis, das nun uns empfänglich und hörend macht, verstehen wir die Geräuschmesse. Eine Musik ohne Töne, ein Sprechen ohne (laute) Stimme will uns aufmerksam machen für die viel leiseren Stimmen der Geschöpfe, tief in unserem Inneren.

 

Was für die Liturgie eine Herausforderung ist, wenn wir uns in der abendlich dunklen Kirche auf ein feines Hören einlassen, das ist auch für die Musik etwas Besonderes. Nur wenige Musiker können sich so zurücknehmen auf Ursprüngliches, das sie an musikalische Grenzen führt. Michael Erian ist einer, der solches wagt. Mit Saxophon und Flöten wird er den Atem in Geräusch verwandeln, bis wir zuletzt auch die Steine singen hören!

 

Lieber Herr Pfarrer,

ich habe heute mit meiner Frau erstmals die "Geräuschmesse", eigentlich könnte man sie weniger irreführend als "Leise Messe" bezeichnen, in Ihrer Pfarre erlebt.

Es war ein wirklich schöner, geheimnisvoller Gottesdienst. Durch das Flüstern, die schönen Kerzen bei sonstiger Dunkelheit im Kirchenraum, die herrlichen Improvisationen von Michi Erian, durch Ihre Wiederholungen bestimmter liturgischer Textpassagen, gewinnt alles wieder ganz neu an Bedeutung - wo es sonst so automatisch und leider gedankenlos über die Lippen gleitet. E.T., 2013

                                                                                               ***

Wir betreten die Kirche.
Kerzenlicht empfängt uns.
Die Kinder und ich setzen uns wie üblich in die erste Reihe.

Es ist ruhig und still.
Plötzlich hören wir Musik. Wunderbare Musik.
Zuerst denke ich, es ist ein Saxophon.
Diese Musik verzaubert mich.
Wer spielt so?
Ich musste mich ganz einfach umdrehen.
Niemand war zu sehen.
Es war ja dunkel.
Der Musiker kam nach vorne. Ganz, ganz langsam.
Ein eigenartiges Gefühl lag in der Luft.

Da kam der Pfarrer mit seinen zwei Kerzenmädchen. Vor den Altar.
Die Mädchen setzen sich wieder zu mir.
Der Pfarrer haucht seine Worte zu uns herüber.

Die Musik erklingt immer wieder.

Da beginnt die erste Lesung.
Wieder nur gehaucht.
Heute geht es um die Erbsünde.
Man hört vom Verbot und von der in Versuchung führenden Schlange.
Immer wieder Musik.
Meine Gedanken ziehen fort. Wer urteilt über uns Menschen – außer Einer?
Mir wird ganz komisch zumute. Mir wird kalt. Ich friere. Fühle totale Leere in mir. Zugleich totale Ruhe. Was geschieht jetzt? Wohin gehe ich jetzt?
Dann erblicke ich das Kerzenlicht am Adventkranz. Es holt mich wieder zurück.
Ganz langsam wärmt es mich wieder, von innen. Ich komme wieder zu mir.
Ich habe das Gefühl, trotzdem nichts überhört zu haben.

Die zweite Lesung – wieder gehaucht.
Der Stil der Musik ändert sich laufend.
Es wird total mystisch. 
Wieder wird mir total kalt. Am liebsten würde ich mich einigeln. Aber das geht jetzt nicht.
Das Kerzenlicht holt mich wieder mit Wärme zurück.

Der Pfarrer beginnt hauchend mit dem Heiligen Sakrament.
Dieser Moment ist nicht in Worte zu fassen.
Und wieder klicke ich mich weg.
Irgendwann höre ich meine Tochter: „Mama geht’s du nicht mit?“.
Ja natürlich, war meine Antwort und stand auf.
Wow, wie viele Leute heute in der Kirche sind, viel mir erst jetzt auf.

Endlich war das Saxofon zu hören. Nun war ich wieder ganz bei mir.
Diese Musik holte mich wieder zurück.
Dachte ich.

Die Messe war vorüber.

Unser Pfarrer verließ uns wieder, mit den zwei Kerzenmädchen.
Ich lasse die Musik noch einmal ganz in mich.
Vergesse noch einmal die Welt rund um mich.
Dann sah ich wieder mein Mädchen und ich war wirklich wieder da.

Draußen vor der Kirche gab es ein Feuer.
Daran konnte ich mich wieder wärmen.
Sprach mit ein paar Leuten über diese Messe.
Wir waren alle noch ganz benommen.
Es hatten also auch andere die gleichen Gefühle wie ich.

Ich halte es trotzdem nicht lange beim Feuer auf.

Nun nahm ich an jede Hand ein Mädchen.
Wir gingen zum Auto und fuhren heim.

E.S., 2013

https://youtu.be/Dvjswjuzi-o