Bischöflicher Dienst in großer Volksverbundenheit

Zehn Jahre Bischof Alois Schwarz an der Spitze der Diözese Gurk – Würdigung von Bischofvikar Dr. Olaf Colerus-Geldern

Bischof mit Weitblick
(© Foto: Neumüller)

Im Juni 2011 sind es zehn Jahre, dass Bischof Dr. Alois Schwarz die Diözese Gurk leitet. Mit vielen seiner Mitbrüder in der Weltkirche und in Verbundenheit mit dem Bischof von Rom stellt sich Diözesanbischof Dr. Alois Schwarz dieser Aufgabe.
Unterstützt durch die Mitarbeit der Priester, Diakone, Ordensleute und Laien, darunter viele haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, erfüllt er diese Aufgabe, die Gnade, Würde, vor allem eine große Verantwortung und wohl auch manchmal eine Last bedeutet. Die Weite des Horizontes christlichen Zeugnisses als Dienst am Menschen, von der Daseinsdeutung aus dem Glauben bis zur Darlegung für Leitlinien für menschliche Lebensgestaltung in der Wirklichkeit des täglichen Lebens hat Bischof Schwarz exemplarisch auch bei der Ansprache anlässlich der Feiern zum 50-Jahr-Jubiläum des diözesanen Bildungshauses St. Georgen/Längsee im April 2010 abgemessen: „[…] wir versuchen in diesem Haus, aus Information Bildung zu machen […] Bildung assoziiert das Wort Bild, Abbild, Ebenbild […] Es heißt (den Menschen) in sich abbilden zu lassen, was Gott sich von ihm gedacht hat.“

Daseinsdeutung aus dem Glauben

Das Schauen auf Christus als Anfang und Vollendung christlicher Lebensgestaltung aus einer Hoffnung auf ewiges Leben, die auch in Dunkel und Anfechtung bestehen kann, sind im Kontext konkreter Lebensfragen immer Kernpunkte bischöflicher Verkündigung in der Domkirche und in Predigten in der Diözese.
Leitthemen der Verkündigung führen für Bischof Schwarz zu den wesentlichen Themen von Bildung, in welcher Transzendenzoffenheit und konkrete Lebensgestaltung eng miteinander verbunden sind („ […] mit unserer Lebensart auf Gott verweisen“).
So ist es nicht verwunderlich, dass der Bischof gerade den von Univ.-Prof. Dr. Manfred Prisching in seinem Essay Bildungsideologien unternommenen Versuch, Bildung (beschreibend) zu definieren, mit größter Zustimmung aufgenommen hat.
Schon zuvor plädierte der Bischof für zentrale Bildungsanliegen in unserer Zeit: Schule der Achtsamkeit, Sehschule für die Hintergründe, die Tiefen, die Faszination, aber auch für die Widersprüchlichkeiten des Lebens, nicht zuletzt aber des Sehens der Spuren Gottes in der Schönheit, vor allem auch in der Schönheit der Natur, mit welcher der Bischof sich eng verbunden weiß.
Bildung als Anleitung zu verantworteter Selbstständigkeit, zur Freiheit, zum eigenen Denken. Denken aber auch als Nachdenklichkeit über Sinn, Religion, Glaube. Dort. wo man Information zur Bildung weiter führt, kann diese nicht tabuisiert werden.

Ökumenische Offenheit

Wer die Bodenständigkeit des Bischofs kennt, wird es nur als konsequent ansehen, dass diese Horizonteröffnung und diese Anliegen ihren Niederschlag finden in den konkreten, auch gesellschaftlichen Lebensfeldern: Dem verantwortlichen Handeln des Menschen in der Schöpfung, der Wirtschaft, der Finanzen, der Politik (unabhängig von Parteipolitik), im gesellschaftlichen Leben. Respekt, Verstehen und Gespür für die Anliegen der Zweisprachigkeit in der bewährten Tradition der Beschlüsse der Gurker Diözesansynode 1971/1972 bestimmen deshalb auch die Haltung des Diözesanbischofs. Offenheit für die Ökumene kam u. a. auch bei der Initiative des Bischofs zur Abhaltung eines gemeinsamen Christentages 2005 zum Ausdruck. Aber auch Besuche des Bischofs in einzelnen muslimischen Gruppen des Landes fanden dort wohlwollende Aufnahme und Zustimmung.
In einer Welt, in der trotz aller sozialen und humanen Bemühungen Einzelner und einzelner Institutionen global der individuelle und kollektive Egoismus unüberwindbar scheint, ist illusionsloses Mühen um Ethik ein Zeichen der Hoffnung und der Ermutigung. Auf den psychologischen Punkt hat Bischof Schwarz das Problem gebracht mit dem fast humorvoll vorgebrachten Hinweis auf den Dekalog (Zehn Gebote), den man auch vom letzten, dem zehnten Gebot „Du sollst nicht begehren“ „hinauflesen“ kann zum ersten, alles umfassenden „Ich bin der Herr, dein Gott“ (Du sollst an einen Gott glauben). Nach der Bibel hat ja das Urverhängnis mit der Nachgiebigkeit dem Begehren gegenüber begonnen.

Einsatz für ethische Prinzipien

Die Bedeutung von Maß und Klugheit hat Bischof Schwarz auch konkretisiert, so im Bereich von Bistum und Diözese: Einführung – für Österreich erstmalig – von Balanced Scorecard RIO (Religion in der Organisation) in bistümlichen Betrieben, Beitritt der Diözese zum Klimabündnis, aber auch Kooperation mit jenen Institutionen, die sich für die Anwendung ethischer Prinzipien im Wirtschafts- und Finanzbereich einsetzen.
Seien es nun Privatinitiativen oder klassische Institutionen wie Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung und Gewerkschaft – die Verbindung von sozial verantwortlichem Handeln im Bereich von Finanz und Wirtschaft stellt Bischof Schwarz in einer Fülle von Veranstaltungen aller Art und durch die Berufung auf christliche und humane Erkenntnisse her, etwa auch durch die Formel des Evagrius Ponticus (4. Jh.), „Maßlosigkeit als Krankheit der Seele“, oder die lapidare Aussage des Bischofs: „Die päpstliche Sozialenzyklika ‚Caritas in veritate’ ist ein ethisches Navigationssystem.“ Das Bischöfliche Bildungshaus Stift St. Georgen bietet zertifizierte Lehrgänge für Führungskräfte an (Wertvoll.Sinnvoll) und ist Heimstatt für Kongresse und Studien zum Thema „Finance & Ethics“, „Finance & Science“. Neben den Spannungsfeldern zwischen Wirtschaft und Finanzerschütterungen und unethischer Gewinngier ist auch das Thema „Humanität und Sprache in der Öffentlichkeit“ ein besonderes Anliegen des Bischofs, das nicht immer auf Verständnis stößt und mit dem Hinweis auf
Sündenfälle in der Kirche als Fundamentalsorge allzu leicht vom Tisch gewischt wird.

Für Lebensschutz und Hochschätzung der Familie

Die Sorge um die Probleme des gesellschaftlichen Lebens und die Seelsorge im diözesanen Bereich sind untrennbar miteinander verbunden, geht es doch immer um den Menschen. Der Einsatz für eine notwendige neue Hochschätzung der Familie und das „Ja“ zum Leben – selbst Vertreter der Weltbank machen sich da Sorgen – und zum Lebensschutz gemeinsam mit vielen kirchlichen Institutionen und Verbänden geht Hand in Hand mit hilfreicher Kooperation mit Kirchen in sensiblen Gebieten, wie zum Beispiel die Diözesanpartnerschaft mit der Erzdiözese Sarajevo. Es ist ein Ziel, innerkirchliche Kräfte im Bereich der Pastoral des Sozialen, des Geistig-Spirituellen zu bündeln, verschiedene Seelsorge- und Bildungsprojekte nach Sichtung zu synchronisieren und die pastoralen Energien möglichst zielführend einzusetzen. Ein Knowhow in Organisation und Management in jedem Lebens- und Arbeitsbereich wird vom Gurker Bischof nicht nur geschätzt, sondern auch personell sehr gefördert.
In all dem bleibt der Blick auch auf das pastorale Wirken im klassischen Sinn gerichtet. Unabhängig von den vielen Firmungsterminen scheut der Bischof keinen sowohl physisch als auch emotionell anstrengenden Einsatz: Diözesanwallfahrten mit hunderten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, z. B. nach Rom und Israel, Teilnahme bzw. Führung von Wallfahrten auch zu fernen Pilgerorten, an der Begehung der von ihm initiierten und in manchen Kooperationen erwirkten Hemma-Pilgerwege, menschliche Begegnungen bei einer Fülle verschiedenster Veranstaltungen diverser Vereinigungen im Lande.

Im direkten Kontakt mit den Menschen

Dieses offene Zugehen des Bischofs auf Menschen unterschiedlichster Herkunft wie Lebensgeschichten findet bei der Bevölkerung ein dankbares Echo. Oft ist damit auch Versöhnungs- und Vermittlungsarbeit verbunden.
Dass es in der Überfülle der Aufgaben und Termine auch Enttäuschungen geben kann – manchmal auch wegen zwar ehrenwerter aber doch unrealistischer Erwartungen an das von einem Menschen verwaltete Amt – kann freilich nicht ausbleiben. Der einen oder anderen bodenständigen Unnachgiebigkeit, von der Einzelne sich auch betroffen gefühlt haben mögen, stehen Zeugnisse einer großen Demut in der Entgegennahme von Kritik gegenüber, die leider zu wenig bekannt sind.
Im sehr unvollständigen Bild vom Wirken von Bischof Schwarz sollten aber zwei Bereiche besonders in den Blick genommen werden:
In der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe gegenüber Personen im kirchlichen Dienst, namentlich auch geistliche Personen, hat sich Bischof Schwarz von Anfang an für die uneingeschränkte Kooperation mit den zuständigen staatlichen Stellen, konsequente Transparenz und für medial offensives Vorgehen eingesetzt, wofür ihm nicht nur Beifall zuteil wurde.
Das andere: Angeregt durch Mitarbeiter in der Pastoral stellt sich Bischof Dr. Schwarz ganz in den Dienst der so genannten „Kontaktwochen“ mit den Menschen der Pfarrgemeinden einzelner Dekanate, wobei möglichst je im Frühjahr und Herbst zwei Dekanate besucht werden.

Vertiefung der Glaubenssubstanz

Eine Woche lang – wohlvorbereitet durch Dekanat und Pfarren – feiert der Bischof Liturgien, hält Vorträge, trifft sich mit den Priestern und Pfarrgemeinderäten, besucht Schulen, nichtkirchliche Institutionen und Betriebe, fährt mit den Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln, besucht Familien, hört die Freudens- und Leidensgeschichten der Menschen in der Begegnung mit ihnen und versucht zu stärken, soweit möglich, auch gelegentlich zu vermitteln.
Auch in diesem gesamtgesellschaftlich gesehen „sensiblen Feld“ erfährt er ein positives Echo, nicht zuletzt auch durch ein aufrichtiges Einstehen für den Glauben.
Begreiflich, dass gerade für Bischof Schwarz – wie natürlich auch für die anderen Bischöfe – jede Entfremdung von Menschen der Kirche gegenüber, für die es natürlich verschiedenste Gründe wie z. B. Mängel in der Kirche, Anonymisierung der Siedlungsgebiete, Event-Zivilisation, Anspannung der personellen Ressourcen u. a. gibt, sehr schmerzlich ist.
Die Gewinnung gläubiger und sachlich wie menschlich kompetenter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist und bleibt eine Daueraufgabe für jeden Bischof, natürlich auch für den Bischof von Gurk. In einer Zeit des Ringens um die Bejahung und Vertiefung der Glaubenssubstanz, des Verstehens des Mysteriums der Kirche und des Priestertums ist die Gewinnung von Menschen für den geistlichen Beruf generell und von geeigneten Männern für den Priesterberuf ein Herzensanliegen. Bischof Schwarz nimmt viele Mühen auf sich, um geeignete Priester auch aus anderen Ländern und Diözesen für die Seelsorge zu gewinnen. Eine solche Ergänzung war ja phasenweise auch in früheren Epochen der Kärntner Kirchengeschichte notwendig.
Neue Begegnungsinitiativen engagierter junger Priester zu einem Kennenlernen und tieferen Verstehen des Priesterberufs als Daseinserfüllung im Dienst an den Menschen werden von ihm sorgsam begleitet und unterstützt. Bischof Schwarz weiß sich dabei auch verpflichtet, in Sorge um das Bild vom geistlichen Beruf, vor allem auch des Priesterberufes, seinen Mitbrüdern die beruflichen, spirituellen und menschlichen Vorgaben aus tiefer Überzeugung und mit Herz klar in Erinnerung zu rufen und sie darin zu ermutigen, zu stärken.

Viel Verständnis für schwierige Lebenssituationen.

Der Bischof hat dies u. a. 2010 auf eindringliche und aufrichtende Weise in seiner Recollectio für Priester und Diakone am Mittwoch der Karwoche nach dem Ölweihgottesdienst getan. In der Fülle der Aufgaben des Alltags wird ein Bischof wohl in erster Linie nur „aus gegebenem Anlass“ dienstlich oder persönlicher Art zur Führung des „langen Einzelgesprächs“ imstande sein. Begegnungen in Gruppen empfinden in unseren Tagen des Einzelkämpfertums manche für ungenügend. Ein Herzensdilemma für jeden Bischof. Es ist das Dilemma zeitlicher Grenzen, die es von beiden Seiten zu bestehen gilt um Jesu Christi, der Kirche und des Menschen willen (wie auch andere Dilemmata, etwa das von Regionalpastoral und Aspekten der Weltkirche und der apostolischen Tradition).
Schwierige, an ihn herangetragene Lebenssituationen finden beim Bischof viel Verständnis, begrenzt wohl nur durch die Last der Amtsverantwortung und die bemessene Zeit. Dies auch eingedenk seines Wahlspruchs, genommen aus dem Johannes-Prolog: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“
Im „Überblick“ entsteht als Summarium das Bild eines Diözesanbischofs, der als geradezu enthusiastischer Bibeltheologe und Prediger, als gewissenhafter Betreuer der Referate für Pastoral, Bibel und Liturgie, Umwelt und für Wirtschaft in der Österreichischen Bischofskonferenz in der Wahrnehmung seines Amtes in der Diözese Gurk einen immensen Einsatz all seiner gesamtmenschlichen Kräfte schenkt.

Neue Wege und Perspektiven

In allen Chancen, aber wohl auch Widrigkeiten eines relativ kurzen geschichtlichen Abschnittes von bisher zehn Jahren wurde vieles erhalten, manches neu gestaltet, neue Perspektiven eröffnet und neue Wege beschritten, ein gutes Stück Gurker Diözesangeschichte im Lande Kärnten geschrieben.
Es sind aber nicht in erster Linie äußere Erfolge, die Grund zur Dankbarkeit sind, sondern die Hingabe einer Person, einer Persönlichkeit an ihre Aufgabe.
Begabt mit einer Fülle von Charismen und deshalb auch nicht ganz ohne Ecken und Kanten, in großer Volksverbundenheit und mit viel Liebenswürdigkeit, stellt sich Bischof Alois Schwarz den Forderungen seines Amtes.
Dies ist Grund zu aufrichtiger Dankbarkeit für zehn Jahre bischöflichen Dienstes in der Diözese Gurk, unterstützt von der Bereitschaft zur Mitarbeit und Mitsorgen aller. Diese Dankbarkeit verbindet sich mit dem Wunsch, dass die Gnade unseres gemeinsamen Herrn Jesus Christus Bischof Dr. Alois Schwarz, dem 65. Bischof der Diözese Gurk, die Kraft zu einem langen weiteren Wirken in unserem Land und unserer Diözese schenken möge.

 

  • Dompropst Apostolischer Pronotor Dr. Olaf Colerus-Geldern ist Bischofsvikar für die Bereiche Glaube, Kultur und Bildung. Die Erstveröffentlichung dieser Würdigung erfolgte im Jahrbuch der Diözese Gurk 2011.