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Lebensdialoge - ein diözesaner Prozess, © Foto: fotomax

09.03.2011

Lebensdialoge

Bischof Dr. Alois Schwarz zum diözesanen Prozess “Lebensdialoge”

EINLEITUNG

09.03.2011

Lebensdialoge

Bischof Dr. Alois Schwarz zu den Lebensdialogen

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Lebensdialoge - ein diözesaner Prozess

 
 
 

Veröffentlicht von:

Internetredaktion/MF

Diözesanbischof Dr. Alois Schwarz zu den Lebensdialogen

Dokumentation eines Vortrages, gehalten am 7. Oktober 2009 im Diözesanhaus Klagenfurt

Das Leben in Fülle haben, © Foto: fotomax-internetredaktion

Das Leben in Fülle haben (© Foto: fotomax-internetredaktion)

 

1. „Evangelium und Berufung“.


Evangelium – das ist ein Wort für eine „Freudenbotschaft“, die man ausgerichtet hat. Z. B. ist die Botschaft vom Geburtstag des Kaisers „Evangelium“. Gerade im Kaiserkult, in dessen Umfeld die Evangelien entstanden sind, ist viel davon die Rede. Wir kennen dieses Wort schon aus der altbundlichen Bibel, z.B. heißt es bei Jesaja: „Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt und eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König“ (Jes 52,7).
Die Apostelgeschichte verwendet 15 Mal das Wort „evangelisieren“. „Eine gute Botschaft bringen“ ist Grundprogramm in den großen Schriften der Evangelien, wenn wir z. B. bei Markus im 13. Kapitel lesen: „Bevor das Ende kommen kann, ist es notwendig, dass allen Völkern das Evangelium verkündet wird“. Hier ist noch nicht das Erzählwerk des Markus gemeint, sondern allgemein die frohe Botschaft vom Handeln Gottes durch Jesus Christus. Im Markusevangelium 1,14 wird verkündet: „Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“
Mein Anliegen ist, dass wir am Evangelium Maß nehmen und uns an der Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu orientieren, an den Erzählungen über Jesus von Nazaret, der mit den Menschen unterwegs war und ihnen das Leben gedeutet hat. Wir sollen Jesus über die Schulter schauen, wie er damals mit den Menschen gelebt hat. Wie er damals ausgestiegen ist aus seiner Erwerbsarbeit und mit Männern durch das Land zog und mit Frauen ins Gespräch kam.
Ich möchte, dass wir uns in das Evangelium hineinbegeben und entdecken, dass wir alle berufen sind, die Frohe Botschaft in die Welt hineinzusagen. Christlicher Glaube sieht den Menschen als einen, der von Gott gerufen ist. Dieses gilt es anzusagen, von daher gleichsam Sinn in Lebenssituationen der Menschen hineinzusprechen.

Ausschau halten nach großen Gestalten, die Berufung gelebt haben

Wir werden Ausschau halten nach großen Gestalten, die Berufung gelebt haben . Wir werden uns an ihnen orientieren. Jeder Mensch ist berufen. Das 2. Vatikanische Konzil spricht den Menschen zu: Du hast eine Sendung in diese Welt hinein, du hast einen Ruf. GS Nr. 22 „Da nämlich Christus für alle gestorben ist und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche, müssen wir festhalten, dass der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein.“
Gott ruft jeden, aber jeweils mit anderer Stimme. Wenn Sie zur Arbeit kommen mögen Sie die Fragen begleiten: Für wen habe ich heute ein gutes Wort? Aus welchem Programm des Evangeliums lebe ich heute? Welches Wort der Schrift ist heute in der Mitte? Wie entdecke ich heute mit ganz neuen Augen Berufene unter denen, die mich anrufen, die etwas wollen, auf die ich zugehe? Wie leben wir miteinander Evangelium als Berufene? Was ist für dich eine gute Nachricht? Was ist die Berufung deines Lebens, wofür stehst du? Wofür gehst du, wofür bist du unterwegs in diesem Leben, wofür mühst du dich? Für wen gehst du?“.
Die Menschen lesen die Bibel an Ihren Gesichtern. Welches Bibelwort lebt in Ihnen? Mit welchem Wort der Schrift sind Sie eine gute Nachricht für die anderen?

2.  „Glaube und Leben“


Es ist gut, dass wir diesen ganzen Prozess, den wir vorhaben, mit dem Arbeitstitel überschreiben „Lebensdialoge“. Mit dem deutschen Wort „Leben“ werden drei verschiedene biblische Begriffe übersetzt. Der eine Begriff von „Leben“ ist das Gegenteil von „Tod“ und weist auf das Individuum hin, auf eigene Lebenskraft. Dann gibt es einen anderen Begriff von „Leben“ in der Bibel: Leben ist das, was die Seele trägt. Und es gibt noch einen dritten Begriff: Leben in der äußeren Erscheinung von „Lebenswandel“. Leben ist nicht nur ein Hauptwort, sondern ein Tätigkeitswort – leben.

Leben ist immer verwoben mit Glauben. Wenn wir über das Leben nachdenken, dann kommen wir zur Schöpfung, zur Erkenntnis, dass wir selbst uns nicht ins Leben hineingesetzt haben. Wir fangen plötzlich an, über den Ursprung nachzudenken und sind dann durch die Theologie in das weite Feld des Gespräches zwischen Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist hineingenommen. Wir werden hineingeführt in die Welt der Dreifaltigkeit, diesen innergöttlichen Dialog der Liebe, aus dem heraus das Leben kommt, Schöpfung kommt. Das kommt zur Sprache, wenn vom Leben die Rede ist. Wir werden hineingenommen in die Lebensliebe des Heiligen Geistes, wenn wir über die Dreifaltigkeit nachdenken. Wo haben wir den Atem des Lebens her?

Wo wir das Leben ansprechen, müssen wir darauf gefasst sein, dass die Menschen über die Grenzen des Lebens mit uns sprechen: Über Behinderung und Krankheit, über Tod und Ausgeliefertsein, über ihre Not. In dem Augenblick, in dem wir sagen „Reden wir über das Leben“ müssen wir innerlich so weit sein, auszuhalten, dass jemand uns den Schrei nach Leben entgegenhält. Wenn wir über das Leben reden, dann kommt immer auch das zur Sprache, wo Leben sich uns in seinen Grenzen zeigt. Leben ist ein „Horizontbegriff“ der Zusammenhänge herstellt und auf eine Ganzheit abzielt.

Wann beginnt das Leben?

Wenn wir über das Leben reden, dann ist immer auch die Frage da: „Wann beginnt das Leben? Wie geht es mit denen, die ungeschütztes Leben haben? Wie geht es denen, deren Leben begrenzt ist?“. Wir erinnern uns an das gute Wort von Kardinal Franz König, der gesagt hat: „Die Menschen sollen nicht durch die Hand eines Menschen sterben, sondern an der Hand eines Menschen“. Bis sich aber dieses große Wort von Kardinal Franz König, dem Erzbischof von Wien durchsetzt „an der Hand eines Menschen“ sterben zu dürfen, sind wir hineingezogen in die Frage der Sterbebegleitung. In dem Augenblick, in dem wir uns auf das Leben einlassen in der ganzen Tiefendimension aus dem Glauben heraus, dann sind wir hineingezogen in die Grundfragen des Menschen. Wobei es da immer auch die Frage gibt: „Welche Lebensformen haben die Menschen, welchen Lebensstil? Welche Lebensführung haben sie heute?“. Wir sind angefragt, wie steht es um die Tugenden des Menschseins heute, das gute Leben, um eine gute Lebensführung. Das ist wieder ein anderer Zugang zu diesem Thema.

In dem Augenblick, wo wir über das Leben reden kommt für die Menschen dann immer auch die Frage: Wie können wir das miteinander feiern?

3. „Freude und Feiern“


Kommen unsere Feste und Feiern aus dem heraus, wie wir das Leben miteinander deuten? Wollen wir, dass es auch in Ritualen, in Zeichen, in Symbolen zum Ausdruck gebracht wird.

Von den Emmausjüngern im Evangelium heißt es „Sie erkannten den Auferstandenen am Brotbrechen“. Vorher haben sie viel mit ihm gesprochen, es war ihnen schon gut ums Herz. Aber die Erkenntnis des Auferstandenen wurde ihnen erst beim Brotbrechen geschenkt, also in der Feier. Es gibt einen Zugewinn an Lebensqualität, wenn wir zum Feiern kommen und dann dabei das Leben in den Ritualen ausdrücken. Wir erleben, dass unser Gott sich durch die Menschwerdung seines Sohnes hineinbegeben hat in geschöpfliche Zeichen, um uns so präsent zu sein und Nahrung zu sein für Seele, Geist und Leben. Wir werden also im Prozess des Nachdenkens über das Leben hineingeführt ins Feiern.
Es ist ein großes Geschenk, das Leben in einer ganz anderen Tiefendimension wahrzunehmen und das hineinzutragen in Feste und Feiern, die wir miteinander erleben.

4. „Sinn und Schönheit“


Wir sind immer wieder mit der Frage konfrontiert: Was schenkt meinem Leben Sinn? Das 2. Vatikanische Konzil sagt im Dekret über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen:
„Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen  Antworten auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im Tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tod? Und schließlich: Was ist jenes letzte, unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“
Mehrmals kommt in diesem Text des Konzils die Frage „Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens?“. Die Leute fragen heute oft: „Macht das Sinn?“. Davon, dass etwas Sinn macht ist immer dann die Rede, wenn Zusammenhänge erkennbar werden, wenn einzelne Begebenheiten und Erfahrungen nicht isoliert für sich stehen, sondern in ein größeres Ganzes eingeführt werden. Wir haben Garanten für dieses größere Ganze zu sein. Wir haben den „Ensembleschutz“ zu sichern in den Botschaften unseres Glaubens für die größeren Zusammenhänge. Das Wichtigste im Leben ist Sinn auf allen dafür möglichen Ebenen. Fülle der Sinnlichkeit im Körperlichen, Fülle des Fühlens im Seelischen, Fülle des Denkens im Geistlichen, Fülle der Erfahrungen von Transzendenz im Metaphysischen, um alle Ebenen des Sinns auszuschöpfen.
Der Glaube sieht weiter und tiefer, er sieht alles in einem anderen Licht. Nicht, weil wir es schon wissen, wie es auf jeden Fall geht, sondern weil wir es aushalten, mit den Menschen auf der Suche zu bleiben und dann unsere Antworten dazu geben. Wir brauchen so etwas wie eine Kultivierung des Glaubenssinns, eine Sinn erschließende Sprache in der Verkündigung. Vom Sinn führen wir die Menschen hinein in die Schönheit.

Eines der großen Worte, über das ich mit Ihnen nachdenken will, ist das Wort „Schönheit“. Wir reden in der Kirche von Ästhetik. Wir haben diözesane Dienststellen, damit es bei uns Schönheit in der Kirche gibt und Ästhetik. Wir arbeiten daran, dass es eine schöne Feier der Liturgie gibt, dass wir schöne Orte haben. Beim Thema Sinn sollte dm Menschen sofort Kirche einfallen, katholische Kirche in Kärnten. Aber auch beim Wort Schönheit. Nicht, weil wir das Hässliche nicht sehen wollen – das Hässliche drängt sich von allein auf. Wir sind Garanten des Schönen in dieser Welt. Gott ist nicht nur gut und wahr, er ist auch schön. Entdecken wir das Schöne. Das Schöne heilt. Der Glaube rettet.

5. „Dienst und Leistung“.

Dieses Programm der Lebensdialoge bringen wir nur auf den Weg, wenn einer dem anderen dient, wenn einer sagt: „Ich setze mich dafür ein. Ich bin bereit, dir dafür etwas Gutes zu tun.“ Manche von uns sind zum Dienst geweiht, manche von uns sind zum Dienst bestellt. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und haben gleichzeitig zu sichern, dass die sozialen Chancen nicht nur nach dem Leistungsprinzip verteilt werden. Wir haben sicherzustellen, dass Menschenwürde vor guter Leistung da ist, dass der Mensch etwas gilt, bevor er etwas leistet. Auch wenn er nichts mehr leistet gilt der Mensch etwas.

Wir wissen um die Zuwendung zum Menschen aus Gnade und wir wissen um die ganze Lebenskraft, die Gott uns geschenkt hat, dass wir unsere Leistungen erbringen, damit dieses Programm der Gnade sich durchsetzt. Aber das Programm, das uns geschenkt wird, ist Gnade. Allein schon in der heutigen Gesellschaft, wo so viel über Leistung gesprochen wird – Leistungsbeurteilung, Evaluation, Leistungsvergleiche, die abgerufen werden. Was werden doch Statistiken erstellt. Die andere Seite ist die, wie es dem Menschen dabei geht? Wie steht es dabei um seine Würde, um seine Gnade? Der Wert des Menschen hängt ja nicht von einer von ihm zu erbringenden Leistung ab, denn ihm wurde von Gott Ebenbildlichkeit geschenkt. Gottebenbildlichkeit macht den Menschen zum Menschen. Gottes Liebe und Gnade müssen nicht durch Leistung verdient werden.
Papst Benedikt XVI. hat uns in seiner ersten Enzyklika gesagt: Es gibt den Vorrang der Gnade. „Gott ist die Liebe“ -  so beginnt sein Programm.
Das ist der Zugang. Es gibt den Vorrang der Gnade, mit dem wir arbeiten. Oder anders gesagt: das ist das Vorzeichen für unser ganzes Programm. Gott setzt vorne hin den Vorrang der Gnade, und unter diesem Zeichen dürfen wir gehen. Das ist der Notenschlüssel für die Grundmelodie, mit der wir unterwegs sind. Dann werden wir die richtige Sprachmelodie finden und auch die richtige Tonart.