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Wozu heute Theologie studieren?, © Foto: kf-uni-graz

01.07.2016

Wozu heute Theologie studieren?

Theologie - eine Disziplin, die in unserer säkularen und rationalisierten Welt keinen Platz mehr hat? Theresia Heimerl und Reinhold Esterbauer, Lehrende an der Universität Graz, im SONNTAG-Interview über die Motive eines Theologiestudiums.

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Freitag

01.07.2016

Wozu heute Theologie studieren?

 
 
 

Veröffentlicht von:

Kärntner Kirchenzeitung - "Der Sonntag" / GEH

Theresia Heimerl und Reinhold Esterbauer im "Sonntag"-Gespräch

Theologie - eine Disziplin, die in unserer säkularen und rationalisierten Welt keinen Platz mehr hat? Zwei engagierte Lehrende, die gerade einen neuen theologischen Lehrgang errichtet haben, über ihre Motivaion.

© Foto Theologische Fakultät der Universität Graz

(© Foto: Theologische Fakultät der Universität Graz)

Manche denken bei „Theologie“ gleich an Rom und die Glaubenskongregation. Was bedeutet Theologie für Sie?
Esterbauer: Theologie ist für mich vor allem denkerische Orientierung vor dem Hintergrund eines christlichen Lebensentwurfs. Dabei spielt die Auseinandersetzung mit den Fragestellungen der Zeit, in der man lebt, natürlich eine besondere Rolle.
Heimerl: Theologie ist für mich die wissenschaftliche Ausei-nandersetzung mit existenziellen Fragen, eine erstaunliche Vielzahl an Versuchen von Antworten auf diese Fragen in Geschichte und Gegenwart. Nur eine fertige Antwort zu haben, ist keine Theologie mehr, sondern Fundamentalismus.

Kann Theologie „cool“ sein?
Esterbauer: „Cool“ ist Theologie vor allem dann, wenn es in der gemeinsamen wissenschaftlichen Anstrengung zum echten Ringen um Positionen kommt, wenn also Vorgedachtes nicht einfach wiederholt und abgefragt wird.
Heimerl: Ja, wenn Theologie heißt, wirklich kreuz und quer zu denken und innovativ und spielerisch mit der 2000 Jahre alten Tradition umzugehen. Das hat schon etwas.  

Was motiviert junge Menschen, heute Theologie zu studieren?
Esterbauer: Viele Studierende sind sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen, die sich nicht scheuen, auch über sich selbst und die eigenen existenziellen Fragen nachzudenken. Sie suchen eine anspruchsvolle Auseinandersetzung über letzte Fragen. Bloß funktional zu denken, ist ihnen zu wenig.  
Heimerl: Im Idealfall das Bedürfnis, sich mit zentralen Fragen der Welt und des Lebens,  Gott und der Welt im wahrsten Sinn des Wortes auseinanderzusetzen. Es gibt unter den Theologiestudierenden ein ebenso breites Spek-
trum, wie es in den theologischen Teildisziplinen der Fall ist, von sehr praktisch orientierten Leuten hin zu jenen, die Freude am abstrakten Denken oder auch am genauen textlichen Arbeiten haben.

Was kann man mit einem solchen Studium konkret anfangen?
Esterbauer: Es gibt unterschiedliche Studien an unserer Fakultät, die zu verschiedenen Qualifikationen führen: Arbeit in der Kirche als PastoralassistentIn oder Priester; über die Lehramtsstudien kann man in diversen Schultypen Religion unterrichten. Kompetenzen in Ethik oder Weltreligionen braucht es für viele Berufe in Medien und Kultur – auch als Zusatzqualifikationen, etwa im medizinischen Bereich. Mit dem neuen Masterstudium „Grundlagen theologischer Wissenschaft“ bieten wir darüber hinaus eine kompakte, gegenwartsbezogene Einführung in die Disziplinen der Theologie, was vielfältig einsetzbar ist.   

Kann Theologie etwas dazu beitragen, dass Leben gelingt?
Esterbauer: Theologie ist keine Lebenshilfe. Das Leben kann mit oder ohne Theologie gelingen oder scheitern. Aber eines kann Theologie leisten: Lebensentwürfe reflektieren und das eigene Leben kritisch hinterfragen.   

Theologie hat etwas zu den großen gegenwärtigen, kirchlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu sagen.

Was hat konkretes Handeln mit Theologie zu tun? Hat Theologie auch eine politische Dimension?
Esterbauer: Theologie ist durch konkretes Handeln – sei es in Gesellschaft, Politik oder Kirche – immer herausgefordert, weil sich sofort nicht nur Gerechtigkeitsfragen stellen. Unkritisch ist Theologie sicher nicht. Daher müsste Ihre Frage durch deren Umkehrung ergänzt werden: Was hat Theologie mit konkretem Handeln zu tun? Meine Antwort wäre: viel.
Heimerl: Wer Theologie studiert hat, handelt hoffentlich im täglichen Leben nicht ganz gegen das Evangelium. Er oder sie handelt aber vor allem hoffentlich reflektiert und nicht nur unter dem Druck aktueller Notwendigkeiten, sondern mit Blick darüber hinaus und im Wissen, dass es ein solches „Darüber hinaus“ gibt. Umgekehrt gesagt: Theologie hat viel damit zu tun, wie ich die Welt sehe und dann in dieser handle.

Theologie der Gegenwart: Welche aktuellen Fragen wären interessant, aus theologischer Sicht zu betrachten, und weshalb?
Heimerl: Theologie leidet heute darunter, dass ihr oft bestimmte marginale Felder zugewiesen werden. Aber sie hat auch etwas zu großen gegenwärtigen, kirchlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu sagen: Das Verhältnis unterschiedlicher Religionen ist durch die Migration wieder ein noch wichtigeres Thema geworden. Religion und Gewalt dürfen nicht unterschätzt werden. Medizinethische Fragen stehen hoch im Kurs. Gender, also Geschlechterrollen und -definitionen, sind zentraler Teil einer theologischen Anthropologie,  wichtig ist auch die Auseinandersetzung mit Kunst und Medien als Reflexionsort theologischer Fragen, als alter und neuer locus theologicus. Generell würde ich sagen, bleibt immer noch interessant, wie Leben gelingen kann.

Ihre Fakultät bietet, wie Sie schon sagten, ab kommendem Herbst erstmals in Österreich ein Bachelorstudium an, das sich vornehmlich an aktuellen Fragen orientiert: „Grundlagen theologischer Wissenschaft“. Was können wir uns darunter vorstellen, und welchen Vorteil bietet dieses Studium den Studierenden?
Esterbauer: Dieses Studium nimmt die Herausforderungen der Gegenwart ernst und versucht, von aktuellen Problemstellungen her Theologie zu betreiben. Die kompakte Einführung in die einzelnen Disziplinen bringt christliche Tradition mit der Welt hier und jetzt ins Gespräch. So interpretieren die „Zeichen der Zeit“ die christliche Tradition neu, und diese bürstet die gegenwärtige Gesellschaft gegen den Strich. Mit neuen Lehr- und Lernformen, etwa einem Theologischen Startprojekt, das auch Orte außerhalb der Universität einbezieht, und durch interdisziplinäre Herausforderungen werden Studierende angeleitet, eigene Positionen zu erarbeiten, die sie argumentativ vertreten können.  

Was liegt Ihnen besonders am Herzen?
Esterbauer und Heimerl: Studierende neugierig zu machen für theologische Fragen, ja für Gott als die Frage der Theologie schlechthin. Es lohnt sich nämlich wirklich, Theologie zu studieren. So können wir potenziellen Studierenden nur raten: Try the difference, try theology.

Interview: Georg Haab

 

Zur Person:

Ao. Univ.-Prof. MMag. DDr. Theresia Heimerl, geb. 1971 in Linz, studierte Deutsche und Klassische Philologie und Katholische Theologie. Seit 2003 ist sie außerordentliche Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Graz.
Univ.-Prof. DDr. Reinhold Esterbauer, geb. 1963 in Tamsweg, studierte römisch-katholische Theologie und Philosophie. Er ist Professor der Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz, der er seit Oktober 2013 als Dekan vorsteht.