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Ohne intakte Natur keine Zukunft, © Foto: ifz/engel

07.07.2017

Ohne intakte Natur keine Zukunft

Verena Winiwarter, Umwelthistorikerin an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, im SONNTAG-Interview über die Geschichte der Umweltzerstörung und warum die Menschen immer wieder sehenden Auges ins Verderben rasen - vor allem aber: Warum sie trotz allem Optimistin ist.

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Freitag

07.07.2017

Ohne intakte Natur keine Zukunft

 
 
 

Veröffentlicht von:

Kärntner Kirchenzeitung - "Der Sonntag" / GerHe

Die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter im SONNTAG-Gespräch

Die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter im SONNTAG-Gespräch über Umweltzerstörung, Laudato si und warum sie trotz aller negativen Nachrichten immer noch Optimistin ist.

Verena Winiwarter erhielt bei den "Tagen der Zukunft" für ihr Engagement den "Planetary Award", © Foto ifz/engel

Verena Winiwarter erhielt bei den "Tagen der Zukunft" für ihr Engagement den "Planetary Award" (© Foto: ifz/engel)

Sie sind Professorin für Umweltgeschichte. Was kann man sich darunter vorstellen?
Winiwarter: Wir beschäftigen uns mit den Menschen und ihrem Verhältnis zur Umwelt in der Vergangenheit. Dazu gehören die Forst- und Waldgeschichte, die Klimageschichte, aber auch eine moderne Form der Agrargeschichte, die nicht nur nach den technischen Hilfsmitteln fragt, sondern erforscht, was auf den Feldern passiert ist.  

Das Verhältnis von Mensch und Umwelt ist ja nicht ungetrübt.
Winiwarter: Natürlich gibt es traurige Kapitel. Die Geschichte der Verschmutzung, der Abholzung, auch der gewaltigen Eingriffe in die Natur wie Mega-Staudämme, Nuklearkatastrophen und Altlasten. Wir befassen uns mit dem ganzen Spektrum von Wechselwirkungen zwischen Natur und Menschen.

Mit dem Umweltschutz bewegen Sie sich ja in einem hoch aktuellen Themenkreis ...
Winiwarter: Haben Sie wirklich diesen Eindruck? Ich wäre froh, wenn die Umwelt ein Thema wäre. Mein Eindruck ist, dass wir uns derzeit mit ganz anderen Dingen beschäftigen. Die Top-Themen sind doch Sicherheit und Migration. Umwelt ist nach dem Eurobarometer nur für sechs Prozent der Bevölkerung ein wirklich wichtiges Thema. Das ist eigentlich eine Katastrophe. Ohne intakte Umwelt gibt es keine gute wirtschaftliche Entwicklung. Deswegen sind jene, die meinen, dass durch Umweltgesetze die Wirtschaft geschwächt wird, am absoluten Holzweg.
Aber der Ausstieg von US-Präsident Trump aus dem Pariser Klimaabkommen hat hohe Wellen geschlagen. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?
Winiwarter: Nun, jede Aktion von Trump schlägt Wellen. Ich halte den Ausstieg natürlich für sehr bedauerlich. Aber viel bedeutender ist es, dass China das Abkommen unterzeichnet hat und nicht mit dem Ausstieg liebäugelt.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungen in Österreich?
Winiwarter: Ich glaube, dass man Österreich in den 80er-Jahren durchaus als Umwelt-Musterland bezeichnen kann. Seitdem geht es aber abwärts. Wir sollten uns wieder als Ziel setzen, Vorreiter zu sein. Wir haben so unglaubliche Naturressourcen, die wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen dürfen.

Heute trägt der Klimawandel zu extremen Wettersituationen bei, die mitunter den Charakter von Naturkatastrophen haben. Wie soll man sich im alpinen Raum verhalten?
Winiwarter: Berge sind dynamisch. Man kann die Erosion der Alpen nicht dauerhaft aufhalten. Was wir aus der Vergangenheit lernen können: Die Menschen früher hatten nicht unsere technischen Möglichkeiten. Daher mussten sie sich der Umwelt gegenüber viel respektvoller verhalten. Heute müssen wir uns trotz der technischen Möglichkeiten respektvoll verhalten, wenn wir eine Zukunft haben wollen. Wenn Sie Respekt haben, weil Sie nicht anders können, ist es viel einfacher, als wenn Sie Respekt haben, weil Sie Ihren Kindern und Kindeskindern eine Zukunft ermöglichen wollen.

Sie zeigen auf, welche Entwicklungen und Folgen es in der Vergangenheit gab, und leiten Konsequenzen für die Zukunft ab. Verstehen Sie sich als Warnerin?
Winiwarter: Ich sage immer wieder von mir, dass ich Expertin für unerwartete Nebenwirkungen bin. Es gibt aber Gott sei Dank auch positive Beispiele, und man sieht, dass die Menschen aus der Geschichte gelernt haben. Heute könnten wir aus vielen Beispielen der Vergangenheit einen Nutzen ziehen und vorsorgend handeln, um uns gegen unliebsame Überraschungen oder Nebenwirkungen zu schützen. Das kann auch heißen, nicht jede Neuerung zu übernehmen, nachzudenken und die Geschwindigkeit einmal herauszunehmen. Aber zuerst denken und dann handeln ist leider derzeit keine mehrheitsfähige Maxime.

Viele fragen sich angesichts der weltweiten Entwicklung, was sie überhaupt tun können. Was würden Sie denen raten?
Winiwarter: Obwohl ich mich so intensiv mit negativen Entwicklungen beschäftige, bin ich Optimistin geblieben. Jede noch so kleine Handlung in die richtige Richtung zählt. Man darf aber nicht das Große vergessen. Mein Credo lautet: Müll trennen ist super und wichtig. Aber richtig wählen und sich zivilgesellschaftlich für die Umwelt zu engagieren, ist wichtiger.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis von Wirtschaft und Umweltschutz?
Winiwarter: Es wird nach wie vor unterschätzt, wie viele gute Investitionschancen im „Green Business“ stecken. Es ist kein Zufall, dass riesige internationale Unternehmen Trump für seinen Ausstieg aus dem Pariser Abkommen kritisierten. Wenn die „bösen“ Konzerne inzwischen längerfristig denken, hat sich doch schon etwas verändert.

Papst Franziskus hat mit Laudato si eine viel beachtete Umweltenzyklika vorgelegt. Was bewirken solche Signale weltweit?
Winiwarter: „Laudato si“ ist ein unheimlich tolles Dokument. Da steht in Wahrheit drin, dass Umweltzerstörung Sünde ist. Ich frage mich, wie ein katholischer Christ so weitermachen kann wie bisher, wenn er vom Papst zur Umkehr aufgerufen wird. Der Papst geht in Laudato si sehr ans Wesentliche, wenn er auch die Konsumgesellschaft kritisiert. Wir sind zu Sklaven unseres Konsums geworden. Weniger Konsum heißt auch mehr Zeit.

Sie vertreten also die Maxime: „Weniger ist mehr“?
Winiwarter: Nachhaltig leben heißt besser leben. Es heißt auch, auf Dinge, auf Konsum zu verzichten. Gleichzeitig aber verzichtet man auf negative Entwicklungen wie die höchsten Selbstmordraten der Weltgeschichte, darauf, dass unsere Welt und wir selbst durch Umweltverschmutzung vergiftet werden. Es heißt, Raum zu schaffen für das Wesentliche – wie zum Beispiel Dankbarkeit. Im eigenen Leben Zeit zu schaffen und zu schauen, wem wir zu danken haben, würde sehr viel helfen.