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Die Würde des Menschen ist nicht mit Gold aufzuwiegen, © Foto: Neuhold

06.10.2017

Wirtschaft soll dem Menschen dienen

Der Grazer Sozialethiker Leopold Neuhold im Sonntag-Interview über Wirtschaft und Ethik und wie die Wirtschaft den Menschen dienen sollte.

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Freitag

06.10.2017

Die Würde des Menschen ist nicht mit Gold aufzuwiegen

 
 
 

Veröffentlicht von:

Kärntner Kirchenzeitung - "Der Sonntag" / GEH

Der Grazer Sozialethiker über Wirtschaft und Ethik und wie die Wirtschaft den Menschen dienen sollte

Der Grazer Sozialethiker über Wirtschaft und Ethik und wie die Wirtschaft den Menschen dienen sollte

© Foto Neuhold, HPD

(© Foto: Neuhold, HPD)

Sie halten am 9. Oktober in der Wirtschaftskammer einen Vortrag zur Wirtschaftsethik. Für viele Menschen sind Wirtschaft und Ethik Widersprüche ...
Neuhold: Meines Erachtens ist das falsch. In der Wirtschaft geht es um mehr als das bloße Geschäft. Wirtschaft findet in Zusammenhängen statt: mit dem Leben der Menschen, mit Kultur, aber auch mit Religion. Aufgabe der Wirtschaftsethik ist es, die Perspektive auf diese Zusammenhänge zu öffnen.

Ethik als Ermöglicher? Oft wird Ethik eher als Einschränkung empfunden.
Neuhold: Ethik schränkt nicht ein. Ethik eröffnet Perspektiven. Im Speziellen stellt sich die Frage, inwieweit Wirtschaft zum Gelingen des Ganzen des menschlichen Lebens beitragen kann. Es ist ja klar, dass Wirtschaft dabei einen ganz zentralen Beitrag leisten kann.

In der Ethik geht es ja auch um Handlungsanleitungen, Imperative. Wie sehen diese konkret in der Wirtschaftsethik aus?
Neuhold: Natürlich muss Wirtschaft wirtschaftsgerecht sein. Es ist wichtig, die wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten wahrzunehmen und diese für die Gestaltung der Wirtschaft einzusetzen. Darüber hinaus muss Wirtschaft dem Menschen gerecht sein. In der Wirtschaft treten die Menschen ja in verschiedensten Eigenschaften auf: als Lieferanten, als Produzenten, als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch als Kunden und Kundinnen. Die Wirtschaft muss also der Tatsache gerecht sein, dass sie es immer mit Menschen zu tun hat – nicht nur mit Geld. Ich würde da noch hinzufügen: Wirtschaftet umweltgerecht! Das bedingt meinen nächsten Imperativ: Wirtschaftet zukunftsgerecht! Mit der Art, wie wir heute wirtschaften, wird wesentlich die Gesellschaft der Zukunft mitbestimmt.

Sie haben als zentralen Faktor auch die Religion genannt. Welche Rolle spielt sie in der Wirtschaft?
Neuhold: Ich würde es so formulieren: Die Religion führt dazu, die Sichtweise Gottes einzunehmen. Das heißt: Man sollte von einem höheren Blickwinkel aus einen unabhängigen Standpunkt finden, von dem aus man kritisch überprüfen kann, was gut und was schlecht ist.

Was sagen Sie zur Kritik mancher Wirtschaftskreise an Papst Franziskus? Man wirft ihm vor, er sei wirtschaftsfeindlich.
Neuhold: Er wird häufig falsch zitiert mit den Worten: „Die Wirtschaft tötet.“ In Wahrheit hat er gesagt: „Diese Wirtschaft tötet.“ Das ist ein wesentlicher Unterschied! Die globale Wirtschaft, wie sie sich derzeit zeigt, ist damit gemeint. Diese enge Sichtweise auf den reinen Profit führt tatsächlich dazu, dass sie tötet.

Es wäre problematisch, wenn Ethik nur dann angewandt wird, wenn sie dem wirtschaftlichen Erfolg dient.

Sie sprechen das Prinzip der Gewinnmaximierung an. Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür?
Neuhold: Wo man dies heute ganz aktuell sieht, sind die Transportkosten. Die Folgekosten des weltweiten Transportes werden sozialisiert. Damit sind die Kosten viel zu günstig, obwohl die Transporte etwa schwere Umweltschäden verursachen, für deren Behebung dann andere aufkommen müssen.

Apropos Preis: Es gibt ja den Sager „Alles hat seinen Preis“. Ist wirklich alles und jeder käuflich?
Neuhold: Kant hat auf den Zusammenhang von Wert und Würde hingewiesen: Alles, was einen Wert besitzt, hat ein Äquivalent, kann also verrechnet werden. Das, was nicht verrechnet werden kann, hat Würde. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Diese darf man also nicht in eine Preisrelation bringen. Man kann sie also nicht mit Gold aufwiegen. Für manche in der Wirtschaft ist das eine Herausforderung.

Das sind wohl auch jene, die Ethik in der Wirtschaft ablehnen?
Neuhold: Oft wurde der Anschein erweckt, dass ein Mehr an Ethik ein Weniger an Wirtschaft oder Gewinn ergibt. Das ist meines Erachtens ein Fehler. Ethisch ist auch, wenn ich meine Mitarbeiter und Kunden gut behandle. Das ist ja unbestritten ein Erfolgsbaustein.

Aber ist es nicht zu kurz gegriffen, wenn man nur dann ethisch wirtschaftet, wenn dadurch Kosten gesenkt oder Kunden gewonnen werden?
Neuhold: Es wäre problematisch, wenn Ethik nur dann angewandt wird, wenn sie dem wirtschaftlichen Erfolg dient. Das wäre eine sehr kurzsichtige Vorgehensweise. Wenn ich nur deswegen gut mit meinen Mitarbeitern umgehe, damit sie länger arbeiten oder weniger krank sind, dann wäre das der falsche Ansatz. Ethik muss die Hintergrundfolie abgeben, auf der Wirtschaft sehr viel positiver gestaltet werden kann, als dies heute noch vielfach geschieht.

Also eine Alternative, für die Ethik Perspektiven schafft.
Neuhold: Wir leben heute in einer Welt, in der wir uns oft so eingeengt und gehetzt fühlen, dass wir gar keine Alternativen mehr zu unserem Handeln sehen. Da wäre es wichtig, eine gewisse Distanz einzunehmen und einmal nachzudenken, welche Gestaltungsspielräume und -möglichkeiten wir haben. Dann würden wir bemerken, dass viel mehr geht, als wir bisher angenommen haben.

Sie befassen sich schon lange mit Wirtschaftsethik. Sehen Sie eine positive Entwicklung?
Neuhold: Die Richtung ist grundsätzlich sehr positiv. Es gibt heute schon viele Unternehmen – große wie kleine –, die Nachhaltigkeitsberichte verfassen, Ethikzertifikate anstreben usw. Das sind positive Signale.

 

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Leopold Neuhold, geb. 1954, verheiratet; 4 Kinder; Studium der Theologie mit Schwerpunkt Ethik und Gesellschaftslehre; Univ.-Doz. für Ethik und Christliche Gesellschaftslehre; 2001 Leiter des Instituts für Ethik und Gesellschaftslehre; 2003 Ernennung zum Univ.-Prof. für Ethik und Gesellschaftslehre

Veranstaltungstipp:

Glaube – Ethik – Wirtschaft: Vortrag von Univ.-Prof. Leopold Neuhold um 18.30 Uhr im Festsaal der Wirtschaftskammer Kärnten, Europaplatz 1, 9020 Klagenfurt.
Es ist dies der erste Vortrag aus der Reihe „Glaube, Geld, Gelassenheit“ der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft Kärnten.
Mehr dazu auf: www.vgk.at/vorträge