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Die Kirchenbindung ist bei uns noch immer sehr stark, © Foto: kna

05.01.2012

Jugend ohne Gott?

Die europäische Wertestudie stellt der Jugend kein so schlechtes Zeugnis aus.

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Donnerstag

05.01.2012

Die Kirchenbindung ist bei uns noch immer sehr stark

 
 
 

Veröffentlicht von:

Kärntner Kirchenzeitung - "Der Sonntag" / GH

Regina Polak präsentiert die aktuelle europäische Wertestudie. Mit der Pastoraltheologin sprach Hans Baumgartner

Regina Polak, © Foto kiz

Regina Polak (© Foto: kiz)

Sie haben kürzlich die neue Europäische Wertestudie vorgestellt. Was sind für Sie die überraschendsten Ergebnisse?
Polak: Womit wir überhaupt nicht gerechnet haben, war ein Ergebnis im Politikbereich: nämlich dass die Österreicher/innen im Europavergleich ein deutlich überdurchschnittliches Interesse an politischen Fragen haben. Dem steht gegenüber, dass bei uns auch das Misstrauen und die Enttäuschung gegenüber der Politik ebenfalls überdurchschnittlich hoch sind. In diesem überraschend hohen Spannungsverhältnis sehe ich eine enorme Herausforderung für die Politik, die offenbar das eigentlich vorhandene Interesse ganz schlecht „bewirtschaftet“. Wenn diese Kluft durch die Parteien, aber auch durch zivilgesellschaftliche Gruppen nicht überbrückt werden kann, besteht die Gefahr, dass die Demokratieverdrossenheit wächst und dass jenes Fünftel, das – nicht nur in Österreich – schon jetzt nach dem „starken Mann“ ruft, weiter zunimmt.

Wenn wir schon bei der Politik sind: Was sind noch Ergebnisse, wo Sie Handlungsbedarf sehen?
Polak: Nicht ganz überraschend, aber doch bedenklich ist, dass die Österreicher/innen zu jenen in Europa gehören, die die höchste „Antipathie“ gegenüber Menschen haben, die „anders“ sind. Das reicht von kinderreichen Familien in der Nachbarschaft über Homosexuelle bis zu Zuwanderern. Das hat auch etwas mit Politik zu tun: Denn es fällt auf, dass etwa die Ablehnung von „Ausländern“ in Europa weniger damit zu tun hat, wie viele von ihnen im jeweiligen Land leben, als viel mehr damit, ob es im Land eine starke national-populistische Partei gibt. Generell als Herausfordung für Europa sehe ich auch die wachsende Vielfalt in den Werteeinstellungen. Wenn Europa bzw. die EU auch eine Wertegemeinschaft sein will, wird man in Hinkunft der Frage, welche Werte denn eine universelle Geltung haben sollen, mehr Augenmerk schenken müssen.

Wie schaut es mit der Einstellung zu Ehe und Familie aus, die medial ja gerne als Auslaufmodelle dargestellt werden?
Polak: Partnerschaft und Familie bleiben in den meisten europäischen Ländern, auch in Österreich, der wichtigste Lebensbereich. Er hat nach wie vor die stabilste Wertezustimmung, auch wenn sich die konkrete Ausgestaltung dieses Wertes in einer wachsenden Vielfalt an Lebens-, Partnerschafts- und Familienformen zeigt. Trotz eines gewissen Bedeutungsverlustes gilt die „Ehe“ weit(er)hin einer Mehrheit in Europa als wichtig. Was sich verändert, sind die Bedeutungszuschreibungen: Traditionelle Ehe-und Familienbilder werden unter dem Blickwinkel von Sinn und Glück mehr und mehr durch persönlich gestaltete Beziehungs- und Lebenswelten abgelöst. Unsere Autoren haben diesen Befund von Stabilität und Wandel mit dem Satz zusammengefasst: „Nach der Familie kommt die Familie.“

Und wie sieht es mit Gottesglauben und religiöser Praxis der Europäer/innen aus? 
Polak: Wenn man die Wertestudien der vergangenen 30 Jahre anschaut, muss man der so genannten „Säkularisierungsthese“, nämlich dass Gottesglaube und Religiosität bedeutungslos werden, ja geradezu „verdunsten“, klar widersprechen. Es gibt hier – bei allen regionalen Unterschieden und Veränderungen – eine erstaunlich große Stabilität.

Religiosität also ja. Aber wie schaut es mit der kirchlichen Verbundenheit aus?
Polak: Was uns wirklich erstaunt hat, ist der enge Zusammenhang zwischen der konfessionellen Prägung eines Landes und der Religiosität. Die These, dass sich der persönliche Glaube immer mehr von der institutionellen (kirchlich geprägten) Religiosität entkoppelt, gilt nur für eine kleine Gruppe. Die Religion folgt nicht der Logik des Marktes, wonach sich die Menschen je nach Lust an den verschiedenen „Angeboten“ bedienen. Von den 72 Prozent, die in Österreich an einen Gott glauben, fühlen sich 60 Prozent einer Kirche bzw. Religionsgemeinschaft zugehörig. Glaube und religiöse Praxis finden bei uns (noch) weitestgehend unter dem Dach der Kirchen statt.

Was kann die Kirche Österreichs aus der Studie lernen?
Polak: Es wäre falsch, uns selbstzufrieden zurückzulehnen. Aber man sollte das Jammern etwas zurücknehmen und sehen, dass wir in Österreich – noch – ein großes Reservoir religiös interessierter Menschen haben. Die Frage ist, was wir daraus machen. Denn eines zeigt die Studie auch: dass unter den 30-Jährigen die Zahlen deutlich niedriger sind.

Die Jugend fehlt?
Polak: Der Bruch in Glaubens-tradierungen beginnt nicht erst bei der heutigen oder der vorhergehenden Jugendgeneration, sondern bereits bei jenen, die Ende der Vierzigerjahre geboren wurden. Unsere Kirche hat es offenbar nicht geschafft, diesen Bruch abzufangen und den Glauben als Sinn- und Lebensquelle in die heutige Zeit zu buchstabieren – und dabei auch von den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen zu lernen. Ich meine hier nicht ein Anbiedern an den „Zeitgeist“, sondern eine Verkündigung im Dialog mit den Menschen, eine echte Zweiweg-Kommunikation, die das Vis-a-Vis ernst nimmt.