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Brauchen wir ein neues Konzil?, © Foto: Haab

12.01.2012

Brauchen wir ein neues Konzil?

Der Priester und Kirchenhistoriker Karl-Heinz Frankl im Gespräch

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Donnerstag

12.01.2012

Brauchen wir ein neues Konzil?

 
 
 

Veröffentlicht von:

Kärntner Kirchenzeitung - "Der Sonntag" / GH

Karl-Heinz Frankl im Gespräch anlässlich 50 Jahre II. Vatikanum

Karl-Heinz Frankl wurde vor 50 Jahren, im Jahr der Eröffnung des II. Vatikanums, zum Priester geweiht. Als Zeitzeuge und Kirchenhistoriker hat er einen ganz besonderen Bezug zum Konzil. Ein Gespräch mit Gerald Heschl.

Karl-Heinz Frankl im Gespräch., © Foto Haab

Karl-Heinz Frankl im Gespräch. (© Foto: Haab)

Vor 50 Jahren wurden Sie zum Priester geweiht und vor 50 Jahren wurde das II. Vatikanische Konzil eröffnet. Was hat Sie damals besonders geprägt?
Frankl: Es war in den frühen Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, als wohl 1.000 junge Leute der Dekanate Villach Stadt und Land auf dem Oswaldiberg zusammenkamen, um – so hieß es damals – einen Jugendbekenntnistag zu feiern.  Uns trug das Bewusstsein, in einem nun freien Österreich als Kirche eine gestaltende Kraft zu sein. Das Hochgefühl dieses Tages war für mich vom Gedanken begleitet, ob ich mich nicht weitergehend in diese junge Kirche einbringen, vielleicht sogar ein Lebensprojekt daraus machen sollte. Erst Jahrzehnte danach, beim Studium der Kirchengeschichte, musste ich erkennen, dass unser hochgemutes Bewusstsein keineswegs der „Mainstream“ im kirchlichen Denken war.

Dennoch lag eine Art Veränderungsgeist schon in der Luft ...
Frankl: Schon längst hatten wache Christen im freien Europa manche leere Routine im kirchlichen Handeln feststellen müssen. Die französische Kirche mit ihren kühnen pastoralen und theologischen Versuchen wurde von der Kurie im Sinne der Tradition diszipliniert. Die Teilnahme aller an der Feier der Eucharistie, wie sie auf der Burg Rothenfels oder in Klosterneuburg praktiziert wurde, war noch immer an eine besondere Erlaubnis des Papstes gebunden. Diese und andere Hemmnisse des kirchlichen Lebens bedurften der Reform. Wie sollte sie aussehen? Es war die Intuition Papst Johannes XXIII., geistgewirkt, wie er überzeugt war, am 25. Jänner 1959 ein „ökumenisches“ Konzil anzusagen, um das ganze kirchliche Handeln einem „Aggiornamento“ zu unterziehen. Dieses Wort war bald in aller Munde und verflachte nicht selten die Absicht des Papstes. Er verstand darunter ein tiefes Eindringen in die Quellen des kirchlichen Lebens im Horizont heutiger Fragen und Probleme.

Wie haben Sie das Konzil als Jungpriester erlebt?
Frankl: Zunächst erlebte auch ich das Konzil nicht anders als alle Interessierten, hauptsächlich über die Medien. Der Kärntner Bischof Joseph Köstner war es dann, der im Herbst 1965 Kollege Karl Matthäus Woschitz und mich zur Vorbereitung auf ein theologisches Lehramt am Priesterseminar in Klagenfurt nach Rom entsandte. Er erwirkte für uns als Quartier zwei Zimmerchen im Anima-Kolleg, denn die eigentlichen Studentenzimmer waren von den Konzilsvätern Österreichs bewohnt.
Dort war auch Kardinal Frings von Köln mit seinem Konzilstheologen Joseph Ratzinger.

Sie haben ja auch konkret „Konzilsluft“ geschnuppert und einen Beitrag geleistet ...
Frankl: Eine bescheidene Zubringerarbeit konnte auch ich dem Konzil leisten. Mein Zimmernachbar in der Anima, Bischof Schröffer von Eichstätt, war zum Berichterstatter über die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ bestellt worden. Zahlreiche Verbesserungswünsche der Väter hatte er in die Vorlage einzuarbeiten, um sie erneut der Abstimmung vorzulegen. Gerne und neugierig bereit, ihm zu helfen und die jeweiligen Texte zu tippen, steigerte sich meine „Textverarbeitung“ in den letzten 14 Tagen vor Konzilsabschluss auch zu Nachtschichten an einer nicht mehr sehr stabilen Olympia Schreibmaschine.

Worum ging es bei „Gaudium et spes“?
Frankl: Die Konstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute löste von Anfang an viel Kritik aus, die sich in der nachkonziliären Zeit noch verstärkte. Ohne in der Lage zu sein, das „Reingeschriebene“ in seiner Bedeutung auch nur annähernd zu erfassen, berührte mich der Mut des Konzils, in vielen neuen Lebensbereichen eine Orientierung aus dem Glauben zu versuchen. Wenn in der letzten Zeit sich der Ruf nach einem neuen Konzil verstärkte, so scheint er höchstens in Blick auf „Gaudium et spes“ berechtigt, das heute eher als ein Ausgangs-, denn als Endpunkt erscheint.

Welche sind aus historischer Sicht die prägendsten Erklärungen des Konzils?
Frankl: Auf diese Frage gelingt mir keine schnelle Antwort. Sie hängt von der Position ab, die der Antwortende einnimmt. Soviel steht außer Zweifel, dass nach der Absicht der Väter die Konstitution über die Kirche, „Lumen gentium“, das Herzstück der Beschlüsse sein sollte, um das sich die anderen zu gruppieren und an dem sie sich auszurichten hätten. Für mich war die Beschäftigung mit „Lumen gentium“ ein Teil der Vorbereitung auf meine Doktoratsprüfung. Der Prüfer drückte mir allerdings zum Studium Hans Küngs „Die Kirche“ aus 1967 in die Hand. Noch hatte dieser seine Streitschrift „Unfehlbar“ nicht veröffentlicht, worüber ich froh war. So war ein ruhiges Darlegen der Positionen des Tübinger Theologen, den ich schätzte, möglich.

Eine Folge des Konzils war die Kärntner Diözesansynode ...
Frankl: Die Publikation „Kirche in der Welt. Kärntner Diözesansynode 1971-1972“ gibt Zeugnis von der großen Bereitschaft, in Kärnten das Konzil umzusetzen. Aus der Distanz von 40 Jahren berührt z. B. der Mut, das Zusammenleben der beiden Völker im Lande anzufassen. Wenn in unseren Tagen mit dem Kompromiss in der Ortstafelfrage ein wichtiger Schritt zum Zueinander und Miteinander von Deutsch- und Slowenischsprachigen gelungen ist, dann hat dieser Erfolg gewiss viele Väter. Unter ihnen auch das befriedende Wirken der Synode und des Koordinationsausschusses, den die Synode eingerichtet hatte.
Der beiden ersten Vorsitzenden, mit denen ich in nicht wenigen schwierigen Situationen zusammenarbeiten konnte, gedenke ich nach wie vor herzlich.