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Ausgelöschte Namen, © Foto: weeber

11.12.2015

Erinnern - 70 Jahre danach

Bernhard Gitschtaler erforschte die NS-Opfer aus dem Gailtal - darunter zahlreiche Priester. Ein Erinnerungsbuch, das 70 Jahre nach dem NS-Terror nachdenklich stimmt. Der “Sonntag” sprach mit dem jungen Wissenschafter.

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Freitag

11.12.2015

Ausgelöschte Namen

 
 
 

Veröffentlicht von:

Kärntner Kirchenzeitung - "Der Sonntag" / GerHe

Ein Erinnerungsbuch über Gailtaler NS-Opfer

Bernhard Gitschtaler hat das Buch „Ausgelöschte Namen“ herausgegeben, in dem er u. a. an verfolgte Priester aus dem Gailtal erinnert. Der "Sonntag" sprach mit ihm.

Das jüngste Buch von Bernhard Gitschtaler, © Foto privat

Das jüngste Buch von Bernhard Gitschtaler (© Foto: privat)

Sie sind Obmann des Vereines „Erinnern Gailtal“. Was sind Ihre Arbeitsschwerpunkte?
Gitschtaler: Das Ziel unserer Vereinsarbeit ist, die Zeit des Nationalsozialismus im Gailtal aufzuarbeiten. Wir wollen die Namen und Biografien der Opfer des Nationalsozialismus wissenschaftlich aufarbeiten und recherchieren.

Wie ist es Ihnen in Anbetracht der Tragik der Thematik dabei persönlich ergangen?
Gitschtaler: Wenn man lange Zeit die NS-Gräuel und diese Akten durchsieht, über das Töten und Morden der Menschen liest, ist diese Erfahrung recht belastend. Andererseits hat man einen wissenschaftlichen Zugang dazu. Ein gesunder Abstand ist dabei notwendig.


Wir befinden uns im Gedenkjahr 2015, 70 Jahre nach dem Untergang des NS-Regimes. Warum ist dieses „Erinnerungsbuch“ nicht viel früher erschienen, als noch wertvolle Zeitzeugen im Gailtal am Leben waren?
Gitschtaler: Das ist eine sehr gute Frage. Im Gailtal herrscht bis heute Angst, wenn es um diese Thematik geht und um Scham; das sind zwei bestimmende Punkte. Ich habe sehr viele Interviews mit unterschiedlichen Generationen geführt. Dann wurde oft gesagt: „Wenn ich darüber rede, dann schimpfen die Leute im Dorf. Dann kommt es zu einem Aufruhr, und wir wollen das nicht.“ Es handelt sich hier um ein Symptom, dass es bei uns im Gailtal nie zu einer offenen Ansprache und zu einer offenen Thematisierung genau dessen gekommen ist. Man muss mit den Menschen sprechen, ihnen, ihren Familien und Nachkommen die Angst davor nehmen, die Thematik anzusprechen. Auf diese Weise können sie die eigenen traumatischen Erfahrungen verarbeiten. Unser Verein versucht, hier mitzuhelfen.

Wie erhalten Sie und Ihre Kollegen diese Informationen? Wie sah Ihre Recherchearbeit dabei aus?
Gitschtaler: Wir sind erstens in eine sehr intensive Literaturrecherche gegangen: in der Nationalbibliothek, in privaten Archiven, am Klagenfurter, Steirischen und Wiener Landesarchiv, am Spiegelgrund und in weiterer Folge an Forschungsaufenthalten im Document Center von Berlin, in London und in Yad Vashem. Wir sind auch mit dem Diözesanarchiv in Kontakt getreten. Ich habe oft Fragen gehabt zu geistlichen Personen und deren Angehörigen. Der zentrale Punkt war jedoch, mit den Leuten im Tal zu sprechen: vom oberen Gailtal bis hinunter nach Pöckau. Man muss mit ihnen sprechen. – Zu Weihnachten gehe ich etwa in die zweisprachige  Kirche von Egg/Brdo, wenn die Messe slowenisch gefeiert wird, oder ich gehe ins lokale Gasthaus und die Menschen reden mit mir.

Unter den Opfern des NS-Regimes befanden sich auch Geistliche aus dem Gailtal, wie etwa Alojzij Nadrag, Pfarrer von Schiefling, der das KZ Dachau überlebte und im April 1945 auf einem „Todesmarsch“ flüchtete.
Gitschtaler: Man würde ihn Alois nennen, aber wir legen Wert darauf, dass sein slowenischer Name zitiert wird. Er war einer, der noch gehfähig war;  diese wurden auf Todesmärsche geschickt. Er war nicht der einzige Geistliche aus dem Gailtal, der auf diese Todesmärsche geschickt wurde. Nadrag ist die Flucht gelungen. Ein weiteres Schicksal ist der gebürtige Lesachtaler Geistliche Eduard Lexer, der als Pfarrer in Winklern im Mölltal regelmäßig „fremde Sender“ hörte, Informationen über die Alliierten notierte und weitergab. Einmal rutschte ihm ein Zettel mit den geheimen Informationen aus seiner Tasche, er wurde beobachtet und das Blatt Papier wurde  an die örtliche NS-Stelle sofort weitergegeben. Eduard Lexer kam daraufhin ins KZ Dachau und  befand sich fünf Jahre in unterschiedlichen Konzentrationslagern bis zu seiner Befreiung.

Interessant ist auch das Schicksal der bekannten Gailtaler Familie Menninger-Lerchenthal.
Gitschtaler: Diese Familie hat sehr viel für das Tal getan, als sehr humane Ärzte oder etwa im Alpenverein. Die Familie Menninger-Lerchenthal ist heute völlig in Vergessenheit geraten. Dr. Albert Theodor Menninger-Lerchenthal hat im Gailtal die meisten Spuren hinterlassen  als Arzt und guter Mensch. Am Friedhof in Hermagor erinnert  noch ein Grab an diese Familie.   

Was wollen Sie mit dem Buch „Ausgelöschte Namen“ bei der Nachwelt bezwecken?
Gitschtaler: Es geht natürlich um die vielen jungen Menschen, die zu unseren Veranstaltungen kommen. Wir bieten Stadtspaziergänge an, die auf großes Interesse stoßen. Es ist oft schwierig, mit der zweiten Generation zu sprechen. Wir betreuten heuer Exkursionen von der Uni Wien und der Uni Klagenfurt.  Ich würde mich freuen, wenn wir mehr mit den Gailtaler Schulen kooperieren könnten. Aber ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.

Für die bekannte jüdische US-Schriftstellerin Lily Brett bedeutet „Schreiben als großes Privileg im Leben“. Wie war die Rolle der Medien unter dem NS-Regime in Kärnten?
Gitschtaler: Während des Nationalsozialismus waren die Medien gleichgeschaltet. Jedes Medium war gleichzeitig ein Propagandamedium, auf unterschiedlichen Ebenen. Es gab keine Kritik. Im Laufe des Krieges wurde es immer strenger.  Im Buch „Das Gailtal unterm Hakenkreuz“ beschreiben wir, dass es vor 1938 schon sehr viel NS-Propaganda im Gailtal gab. Jedoch: Im unteren Gailtal gab es Flyer-Attacken vom kommunistischen Widerstand, den sogenannten „Schütt-Partisanen“.

Was wünschen Sie sich als Wissenschaftler für die Zukunft?
Gitschtaler: Ich wünsche mir mehr Sensibilisierung für Ausschlussmechanismen in unserer Gesellschaft. Dafür braucht es eine entsprechende Bildung.