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Ruf Gottes und Antwort des Menschen

 
 
 

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Priesterseminar / MR

Berufung zum Priester

Glasfenster in der Barbarakirche von Bärnbach (Steiermark), © Foto: Markus Schöck

Glasfenster in der Barbarakirche von Bärnbach (Steiermark) (© Foto: Markus Schöck)

Wer ist berufen?

Wenn wir von Berufung hören, denken wir an etwas Besonderes, vielleicht sogar Elitäres, das sich gegenüber dem ‚normalen‘ Beruf abhebt. Berufung ist eine spezifisch religiöse Art und Weise, von Gott für einen speziellen Auftrag angesprochen zu sein und darin für eine spezifische geistliche und kirchliche Tätigkeit von Gott her ‚berufen‘ zu sein. Für das ‚weltliche‘ Leben hingegen braucht es Interesse und Engagement, nicht minder Kompetenz, aber eben keine glaubensabhängige Zuordnung und infolgedessen auch keine Berufung, - so das gängige Empfinden.

Im frühen Christentum hingegen verstand man das eigenen Tun und Leben als selbstverständlichen Ort des Rufes Gottes. Der Apostel Paulus bezeichnet in seinem Brief an die Gemeinde in Rom den Broterwerb als den „Gottesdienst im Alltag“, also ein Tun von Gott her und erklärt dies als profilierte christliche Selbstfindung. Als sich das Christentum immer mehr zu einer Volkskirche entwickelte, man also Christ durch Geburt wurde, ging das Bewusstsein immer mehr auf eine spezielle Gruppe über, persönlich von Gott zur Nachfolge berufen zu sein und dies auch äußerlich sichtbar zu machen. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Tonsur, also die erkenntliche Frisur der evangelischen Räte für Ordensleute und Priester, ein äußerliches Kennzeichen, dieser besonderen Gesellschaftsschicht anzugehören. Das ‚normale Christentum‘ konnte sich dadurch entlastet fühlen, keine spezielle Berufung zu haben. Seit den Anfängen dieser speziellen Entwicklung gab es immer wieder Proteste gegen diese Einvernahme einer Gruppe und Engführung des Rufes Gottes, wovon die Mystikerinnen ein beredtes Zeugnis geben. Martin Luther legte den Finger ebenfalls auf diese Wunde und prangerte dieses spezielle Berufensein von Gott her an. Er erkannte, dass jeder Beruf Antwort auf einen Ruf Gottes in der Welt ist, wenn sich der Mensch in den bedingungslos geschenkten Dienst von Gott her und für die Menschen gerufen weiß. Freilich kennt die heutige Arbeitswelt diese Haltung nicht, es geht um ein Wirtschaftswachstum, unabhängig von der Frage, ob es anderen dient.

 

Berufung zum Christsein

Vom großen Freiburger Philosophen Martin Heidegger wissen wir uns ins Dasein geworfen, ungefragt hineingesetzt in eine Welt, die wir nicht ausgesucht haben. Was der erste Schrei bereits verlautbart, ist das Faktum, dass wir auf dieses Hineingesetztsein antworten müssen. Die biblische Deutung des Menschseins beginnt in der Schöpfungserzählung und deutet den Menschen nicht einfach als einen Hineingeworfenen, sondern einen von Gottes Atem Angehauchten, der etwas von diesem Geist Gottes wie durch den Finger Gottes übertragen bekommen hat. Das heißt, der Mensch findet zu sich selbst, indem er sich diesem Angerufensein von Gott her stellt und darauf antwortet. Was es allererst benötigt, ist eine spezifische Haltung der Aufmerksamkeit, die viel mit geduldigem Ausharren zu tun hat, ein Sich-Selbst-Aussetzen, dass ein Schon-Bescheid-Wissen bewusst ablegt. Dies macht die Philosophin Simone Weil an der Gestalt des Pfarrers von Ars deutlich. Sein jahrelanges vergebliches Lernen des Lateins hat ihn zu jener Schulung der Gabe der Unterscheidung der Geister geführt, „mit der er die Seele derer, die zu ihm zu Beichte kamen, hinter ihren Worten und sogar hinter ihrem Schweigen bis auf den Grund erkannte.“[1] Zum Christsein gehört also ein Hören auf eine Wirklichkeit, die außerhalb meiner berechneten Reichweite liegt, dem ich mein Ohr leihe in der Hoffnung, durch dieses Angerufensein zu mir selbst zu finden. Christsein in seiner existentiellen Tiefe zielt also zuerst auf ein Hören auf die Wirklichkeit Gottes, die uns aus einer oberflächlichen Gaudee zu einer tiefen Freude führen kann, zu einem Schwimmen über der Tiefe und nicht in seichtem Wasser (T. Halik). Wirklichkeit und Selbstfindung kommen in einer Entscheidung zusammen, mein Leben bewusst zu gestalten. Von Karl Rahner stammt dieses schöne Wort, wonach ein jeder Mensch nicht nur einen Ruf Gottes hat, sondern er ist ein menschgewordener Ruf Gottes. Die Lebenszeit ist jene Spanne, worin Gottes Ruf und Antwort des Menschen zu einem Dialog werden können.

 

Die Berufung zum Priester

Was nun die Berufung zum Priester betrifft, geht es in dieser Selbstfindung nicht um einen Ego-Trip von Beziehungssingles, schon gar nicht um ein Pilgern in einem vereinsmäßig organisierten traditionellen Wertemilieu, sondern um eine spezifische Antwort auf den Ruf Jesu Christi, der sein Lebensprofil und seine Predigt als Spur vorgibt, worin das eigene Leben sich einzuspuren lernt. Die Fußspur Jesu wird zur bleibenden Messlatte und zur Einladung, dieser Richtung zu folgen. Das macht eine jahrelange Ausbildung erforderlich, ein Anlernen, zwischen eigener Projektion und göttlichem Auftrag zu unterscheiden, einer Haltung, Menschen nicht in Gläubige und Ungläubige zu klassifizieren, sondern als von Christus geliebte Hörer seines Wortes annehmen zu lernen, auch wenn sie mit eisigem Schweigen auf seine Botschaft der Liebe Gottes reagieren.

Bei der Priesterweihe kommt dies zu einem vorläufigen Zwischenstopp, worin das bisherige Leben und die Botschaft Jesu in eine verbindliche Gotteszusage verschmolzen wird, zu einem inneren Kern, der von Seiten Gottes nicht mehr aufgelöst wird. Dann beginnt erst so richtig der Weg des Hörens und Zuhörens, des geduldigen Harrens auf Gottes Gnade, auf ein Leben, das im Lebensstil Jesu seine höchste Ausdruckskraft entfaltet sieht.  

 

Richard Pirker

 

 

[1] Simone Weil, Betrachtungen über den rechten Gebrauch des Schulunterrichts und des Studiums im Hinblick auf die Gottesliebe, in: S. Weil, Zeugnis für das Gute, NA München 1990, 45-53, 47.

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