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Dauerbrenner Schule, © Foto: privat / Bearbeitung KHK

12.01.2018

Die Schule als ewige Baustelle

Herbert Molzbichler, Lehrer und Bildungsexperte, im SONNTAG-Gespräch über Fehler in der Ressourcenverwendung, in der Wertevermittlung, in der Bildungspolitik und warum bei allen Schulreformen keiner mehr weiß, wohin der Weg eigentlich führt.

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Freitag

12.01.2018

Dauerbrenner Schule

 
 
 

Veröffentlicht von:

Kärntner Kirchenzeitung - "Der Sonntag" / GerHe

Lehrer und Bildungsexperte Herbert Molzbichler über Fehler im Bildungssystem

Der Oberkärntner Autor und Lehrer Herbert Molzbichler geht in seinem Buch „Nachsitzen“ mit dem österreichischen Bildungssystem hart ins
Gericht. Am Donnerstag, 25. Jänner wird das Buch um 18.00 Uhr im Festsaal des Diözesanhauses präsentiert.

Herbert Molzbichler, © Foto Molzbichler

Herbert Molzbichler (© Foto: Molzbichler)

In Ihrem Buch „Nachsitzen“ kritisieren Sie das österreichische Bildungswesen. Was läuft falsch in einem der teuersten Bildungssysteme Europas?
Molzbichler: In Österreich wird zwar viel Geld in die Bildung investiert, aber leider fließen diese Mittel in die falschen Kanäle. Denn in den Schulen selbst fehlt das Geld. Man müsste sicherstellen, dass die Qualität des Unterrichtes verbessert werden kann.

Sie kritisieren in Ihrem Buch auch den steigenden Einfluss auf die Schulen – etwa durch die Wirtschaft. Aber für wen sollen die Schulen ausbilden?
Molzbichler: Ich unterscheide beim Thema Wirtschaft schon zwischen den Klein- und Mittelbetrieben auf der einen Seite und den Großkonzernen auf der anderen Seite. Großkonzerne, aber auch große Stiftungen versuchen massiv, in die Schulen zu drängen und Lehrpläne zu beeinflussen. Diese Ökonomisierung und neoliberale Beeinflussung ist neben der Parteipolitik ein ganz großes Problem in Österreichs Schullandschaft.

Die Schulen sind ein Spielball zwischen Politik und Wirtschaft geworden. Die Lehrer sind diesen Einflüssen ausgesetzt …
Molzbichler: Die Lehrer sind so sozialisiert, dass sie eher schweigen und sich wenig zu Wort melden. Dazu passt auch das Anpatzen der Lehrer aus manchen Kreisen der Industrie und der Politik. Dann wissen die Lehrer durch die ständigen Reformen oft gar nicht mehr, was als nächstes kommt. Das bringt sehr viel Unruhe. Die eigentliche Aufgabe der Lehrer bleibt dann oft auf der Strecke.

Der neue Bildungsminister Faßmann will ausdrücklich ein Ende der Schulversuche. Für Sie ein richtiger Schritt?
Molzbichler: Dass man mit den Reformen einmal abschließt und die bisherigen Ergebnisse genau anschaut, ist sicher ein richtiger Schritt. In manchen Bereichen macht mich das neue Regierungsprogramm zuversichtlich. Man möchte den Lehrern helfen, sich wieder auf ihre eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren. Aber man muss abwarten, was diese Ankündigung im Detail bedeutet.

Man will auch wieder zurück zum Gymnasium, zum differenzierteren Schulmodell statt einer Gesamtschule. Wie beurteilen Sie dies?
Molzbichler: Ich denke, der Bereich der Sekundarstufe ist noch ungelöst. Wenn man jetzt wieder die AHS-Unterstufen ausbauen will, wird es schwierig sein, eine Lösung und Aufgabe für die Neue Mittelschule (NMS) zu finden. Was wir in diesem Bereich dringend brauchen, ist Notenwahrheit. Der Trend geht immer stärker in Richtung AHS-Unterstufe, und der Druck seitens der Eltern auf die Volksschulen, ja gute Noten zu verschenken, steigt.

Das Bildungsministerium beinhaltet nun die gesamte Laufbahn vom Kindergarten bis zur Universität. Beginnt die Bildung schon im Kindergarten?
Molzbichler: Ich würde sagen, dass durch die Zusammenführung in einem Ministerium viele Doppelgleisigkeiten und Reibungsverluste verhindert werden. Ich meine aber, dass der Kindergarten noch ein Bereich sein soll, wo die Kinder auch Kinder sein dürfen und der Spaß nicht zu kurz kommen darf. Sie müssen spielerisch den Umgang miteinander lernen. Dafür würde ich aber eine Vorschule anregen, in der man den Kindern einen besseren Übergang vom Kindergarten zur Schule bieten kann. Ich würde die Volksschule auch um ein Jahr verlängern, denn die Anforderungen an die Grundschule sind umfangreich geworden. Gleichzeitig gehört die Volksschule entrümpelt auf jene Gegenstände, die wirklich grundlegend sind.

Sie sprechen gerne von einer Persönlichkeitsbildung. Was kann man sich darunter vorstellen?
Molzbichler: Für mich beinhaltet das alle menschlichen Dimensionen: Herz, Hand, Gehirn und Gewissen. Da gibt es natürlich altersspezifische Gewichtungen. Aber in den grundlegenden Schulen sollte die Allgemeinbildung im Vordergrund stehen.

Ein Thema, das sich durch das Regierungsprogramm zieht, ist das Thema „Leistung“. Nun will man bei der Entlohnung der Lehrkräfte ebenfalls auf „Leistung“ setzen. Wie aber beurteilt man die Leistung von Lehrern?
Molzbichler: Das ist ein wirkliches Problem. Die Frage der Kriterien ist ganz offen. Es soll ja auch verpflichtende Schülerbefragungen geben. Aber wer ist bei den Schülern beliebt? Wohl nicht immer derjenige, der mehr Leistung fordert. Ich könnte mir als Kriterium vorstellen, wie weit man sich in der Schulentwicklung einbringt oder spezielle Projekte durchführt. Wenn es aber darum geht, wie die Klasse bei der Zentralmatura oder beim Pisa-Test abschneidet, ist das sehr problematisch und sagt gar nichts über die pädagogische Qualität aus.

Sie haben auch Erfahrungen in ausländischen Schulen gesammelt. Was könnte Österreich von anderen Ländern lernen?
Molzbichler: Heute dominieren die Standardtests alle Länder. Sie sind von der OECD und der Wirtschaft vorgegeben. Wir brauchen aber eine Inhaltsdiskussion: Was sind die wirklich unverzichtbaren Inhalte einer Schule? Welche Texte, welche Schriftsteller sollte man lesen? Was gehört zu einer breiten Bildung? Dieses Thema ist heute leider vollkommen vom Tisch.

Also wieder einen Bildungskanon. Widerspricht das nicht der gerade erst eingeführten Kompetenzorientierung?
Molzbichler: Ich halte diese Kompetenzorientierung für problematisch, weil sie Inhalte ganz beiseite lässt. Sie bezieht sich logischer Weise nur auf jene Kompetenzen, die von der Wirtschaft zum jetzigen Zeitpunkt gebraucht werden. Das kann in wenigen Jahren schon wieder ganz anders aussehen. Wir wissen nicht, welche Berufe es in 10 oder 15 Jahren geben wird und welche nicht. Wir brauchen heute aber kritische, denkende, wissende Menschen. Früher hat man gesagt: Wissen ist Macht. Heute sagt man: Ich muss nichts wissen, weil ich alles googeln kann. Aber dieses Instant-Wissen genügt nicht. Denn wer nichts weiß, der glaubt alles, was er im Internet findet. Mir geht es auch um Werte, die mit Wissen einhergehen.

Was wünschen Sie sich als Lehrer für die Zukunft?
Molzbichler: Ich würde mir wünschen, dass die Lehrer wieder ermutigt werden, offen und ehrlich Stellung zu beziehen. Dass endlich wieder die Praktiker gefragt werden, was sie brauchen. Von den Lehrern wünsche ich mir auch, dass sie wieder Mut fassen und sich engagiert in die Diskussion einbringen. Es wäre gerade angesichts einer stärkeren Schulautonomie ganz wichtig, dass Lehrer entscheiden, was für den Schulstandort wichtig ist. Das sollte man nicht nur zulassen, sondern fördern.